Allgemeinbildung in der neuen Zeit.

Ich teste gerade das Feedangebot der Zeit. Unter dem Titel „Wer war Simone de Beauvoir?“ beschwert sich die Leiterin der Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule:

Ingrid Kolb konnte es kaum fassen, als sie die Fragebögen korrigierte. Gefragt waren Namen von Nazis, die in Nürnberg zum Tode verurteilt worden waren. „Nicht wenige haben Hitler genannt.“ Die Bewerber sind nicht etwa Teilnehmer eines Schülertests, sondern 100 zumeist studierte Jungjournalisten, die bereits als die besten von rund 2000 Bewerbern eingeladen waren. „Auch die Frage nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges oder nach klassischer Musik bringt immer wieder grauslige Antworten“, sagt Kolb.

Diese Einleitung hinterläßt schon mal Stirnrunzeln bei mir, gefolgt von einem entnervtem Augenrollen.
Muß man das alles wirklich wissen, wenn man sich als Journalist weiterbilden (also wahrscheinlich vor allem sein Handwerkzeugs verbessern) will? Die „gute Allgemeinbildung“ die man früher eben besitzen sollte, bedeutete eine ganz andere Menge an Informationen, als wie wir uns heute gegenüber sehen. Ich behaupte, ich habe alleine heute mehr an verschiedenen Informationen gelesen, aufgenommen, im Hirn sortiert usw, als ein normaler gebildeter Mensch vor 50 Jahren.

Reicht es bei den modernen Recherchemöglichkeiten nicht ohnehin aus, zu wissen, wo man etwas nachschlagen kann? „Nein“, sagt der Psychologe Hossiep. „Unsere Welt ist so komplex und kompliziert, da braucht man viel Wissen, um sich orientieren zu können. Wichtig ist eine solide Basis, um neu hinzukommendes Wissen einordnen und verankern zu können.“

Ich brauche also bitte „viel Wissen“ in allen möglichen Fachbereichen, mit einer großen Tiefe im Detail, damit ich mir überhaupt neues Wissen aneignen kann – eine Basis muß ja schon mal in den Grundzügen die Bereiche abdecken, in denen man sich Wissen aneignen möchte. Und diese Basis muß immer präsent sein, präsent bleiben, will erhalten bleiben, damit ich dieser Anforderung genüge, mich überhaupt orientieren kann.

Wieso bin ich überhaupt lebensfähig, wenn ich nicht genau weiß, wer oder was Simone (auch noch eine Namensvetterin!) ist? Angesichts der heute hochkomplexen Welt halte ich das für ein sehr aussichtsloses Unterfangen, mit einer solchen „soliden Basis“ anzufangen und nur darauf Wissensaufbau „zuzulassen“. Schlimmer noch: Die Zukunft bringt mehr Informationen, nicht weniger. Erstes Ziel muß es sein, das Rahmengerüst für die Informationsverarbeitung zu bauen. Strategien, wie man Informationen verarbeitet, einsortiert und in einen Kontext bringt. Problemlösungsstrategien sind gefragt. Und, betrachtet man die Schule: Nicht stupides Auswendiglernen, sondern allgemeine plus dem jeweiligen Schüler angepaßte Lernmethoden.

Wenn ich mir Unterlagen meines Mathe-LKs ansehe, dann stelle ich mit Erschrecken fest: Das konnte ich mal. Und gar nicht schlecht. Heute verstehe ich noch nicht einmal mehr die Aufgabenstellung. Ist das schlimm? Macht mich das weniger wertvoll, daß ich nicht mehr (wie einige andere Menschen in meinem Alter) z.B. Analysis rauf und runter parat habe?

Übrigens, mein zweiter Leistungskurs war Geschichte und ich kann mit den Fragen von Frau Kolb genausowenig anfangen. Wozu auch? Ich weiß, wo ein Lexikon steht. Ich weiß, wie ich es bediene. Es ist nicht mein Lebensinhalt geschweige denn Lebenszweck, sowas aus dem Kopf zu wissen oder dieses angebliche Wissen präsent zu halten. Sinn und Zweck meines Lebens ist ein anderer und ich bin gut darin, in meinem Gebiet Informationen und Wissen zu sortieren, neu zusammenzusetzen und überraschende Ideen zu produzieren. Und das obwohl – oder weil? – ich viel vergesse und Wissen nicht parat habe.

Hossiep findet es nicht so schlimm, dass viele Studenten wenig wissen, sagt er. „Aber ich verlange, dass sie sich wenigstens kritisch selbst betrachten und neugierig bleiben und sich bemühen, Wissenslücken zu schließen.“ Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft hätten eine erschreckend unrealistische Selbsteinschätzung.

Spiegel gefällig, Herr Hossiep? Sie haben erkannt, daß es eine „neue Qualität der Unwissenheit“ gibt – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, wenn gleichzeitig immer mehr Informationen verfügbar sind und auf uns einprallen. Unkräuter sind Kräuter, deren Nutzen man noch nicht erkannt hat. Die neue Welt der Information paßt vielleicht nicht in Ihre alten Tests und Ideen von Wissen. Die neue Qualität von Unwissenheit ist vielleicht etwas neues spannendes, wie Menschen Wissen verarbeiten und nutzen – aber Sie erkennen es nicht, weil Sie es nicht in Ihre Welt einordnen können. Wann fangen Sie an, Ihre Basis upzudaten?

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

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