Angie verfallen oder nicht – Seele verkaufen, einfach gemacht

Herr Spreeblick überlegte für einen Moment, seine Seele seinem Teufel zu verkaufen:

Einige Tage lang haben wir jetzt darüber nachgedacht, ob wir uns an der Ausschreibung zur Produktion des Video-Podcasts der Bundeskanzlerin beteiligen sollten.
[…]
Tagelang haben wir geredet, gelacht, geplant, überlegt. Und uns dann gefragt:
Spinnen wir eigentlich?

Vielleicht. Und antwortet auf meinen Kommentar, daß mir ein Podcast einer Kanzlerin lieber ist als keiner, weil es etwas in Gang setzt:

Nicole, wie oben schon erwähnt: Grundsätzlich gutes Projekt. Aber wo genau siehst du den Unterschied zu Erklärungen gegenüber der Presse oder einer TV-Ansprache? Und „jedem Zugang ermöglichen“? Hallo? Wieviele Podcast-Hörer gibt es? Und wieviele TV- und Radio-Hörer? Ein paar Milliönchen mehr, würde ich sagen.

Es geht doch nur um eine Image-Geschichte, an den Inhalten, der Ansprache und der Vortragsweise hat sich überhaupt nichts geändert. Hier und da ein Stichwort („E-Mails“, „Podcast“) – die digitale Kultur scheint ein wichtiger Faktor zu werden – und ansonsten kein Unterschied zu dem, was die Presse bekommt. Oder habe ich etwas verpasst?

Es mag sein, daß ein Millionenpublikum TV und Radio nutzt – ich jedenfalls habe in den letzten 2 Wochen dank Fußball mehr TV geschaut als das gesamte letzte Jahr. Nein, kein Scherz.

Und ja, Du hast was verpaßt. „Wir“ bekommen es direkt – so wir denn wollen oder es uns überhaupt interessiert. Nicht das, was nach Wunsch des Senders geschnitten zu einer Zeit in Radio / TV läuft wenn ich nicht da bin oder was die Zeitung, die ich nicht besitze, meint durchzulassen. Nicht die Zusammenfassung, die überall ähnlich mit leichten Nuancen Abweichung in den Online-Magazinen steht.

Sondern direkt, was denen = ihr in den Sinn gekommen ist. Ebenfalls setzt es ein Zeichen. „Sogar die Bundeskanzlerin tut es.“ In Englisch und Deutsch als Text dazu, mit Feeds. Zum Anfang passend zur WM, so daß es Aufmerksamkeit erzeugt, und mehr als nur trockene Politik ist.

Ich war zum ersten Mal auf der Seite der Bundeskanzlerin und muß sagen, ich war angenehm überrascht über das dortige Angebot. Das hätte ich schlimmer erwartet. Wohlgemerkt: Ich rede nicht über die Inhalte. Sondern über den Aufbau und die Module die dort zu sehen sind.

Und ich bin mir sicher, daß ein Videopodcast der Kanzlerin diverse Herrschaften aufgeschreckt hat. Die sich dann damit auseinander setzen müssen, daß die Musik die sie sich vorgestellt haben, für ihren Podcast nicht lizensierbar ist. Das sie nicht Wogen der Begeisterung für alles bekommen, was sie verteilen, wie sie es wahrscheinlich von der Presse gewohnt sind. Weil sie sich auf einmal damit auseinandersetzen müssen, daß das Volk schon lange miteinander redet und nicht brav wie ein Schaf allem folgt was die Politiker von sich geben.

2008 ist Europawahl – und ich bin mir sicher, wir werden einen Haufen Projekte sehen, die die neuen Medien nutzen werden. Oder auch nicht. Ausreden gibt es jedenfalls jetzt keine mehr, es nicht zu wollen, wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin in der Lage ist, sowas zu produzieren …

(btw: Wenn Ihr Eure Seele schon nicht an Angie verkaufen wollt, hätte ich jedoch von einem Geschäftsmann erwartet, daß er die logische Schlußfolgerung zieht und der favorisierten Politik anbietet, bei der neuen Technologie zu helfen. Es ist ja nicht so, daß es dort keinen Bedarf gäbe.)

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(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Entschuldige bitte, aber das klingt alles etwas naiv für mich… du kannst wählen, wann du es sehen willst. Ok. Aber du bekommst etwas „direkt“? Nein, du bekommst einen von Regierungsprofis erstellten Text ohne redaktionelle Hinterfragung einer unabhängigen Stelle. Du bekommst genau das, was die Regierung dich wissen lassen möchte. Nicht mehr.
    Das ist nicht schlimm, aber nichts anderes sollte man erwarten. Oder glaubst du wirklich, Frau Merkel würde das selbst schreiben und allein entscheiden, was sie dort von sich gibt?

  2. Frau Simon:
    2009 ist Europawahl.
    „wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin in der Lage ist, sowas zu produzieren …“
    Wo leben Sie? Das hört sich an, als wenn sie es selber aufgenommen und geschnitten hat. Glauben Sie wirklich, Frau Merkel wüsste, was ein podcast ist? Es langt, wenn die Berater sagen: Tut nicht weh, dauert nur ein paar Minuten und ist gut für das Image.
    Jetzt mal Butter bei die Fische: Welche Herrschaften werden denn aufgeschreckt? Von wem sollen denn die kritischen Fragen kommen? Seit wann ist die Presse gleichgeschaltet und surft auf der Woge der Begeisterung?
    Was sind denn die Konsequenzen? Auf den Punkt und nicht nur: „Jetzt müssen irgendwelche was machen“.
    Alles nur bla bla und noch nicht mal bullshit bingo.

  3. 2008 ist Europawahl – und ich bin mir sicher, wir werden einen Haufen Projekte sehen, die die neuen Medien nutzen werden.
    Mal davon abgesehen, dass die Europawahl 2009 ist, habe ich schon 2005 bei der Bundestagwahl einen Haufen Projekte und Parteien gesehen, die munter Blogs schrieben und Podcasts produziert haben.

  4. Na, was wollen „wir“ denn?
    Wollen wir wirklich die „komplett einheitliche abgstimmte Nutzung bis hinunter in die kleinste Ebene“ und somit die hierarchisch geordnete Nutzung von Medien? Oder ist es nicht eher charmant, wenn verschiedene Gliederungen der Parteien (Parteivorstand, Landesverbände, Fraktionen, Arbeitsgemeinschaften) und Einzelkandidaten ihre eigenen Wege gehen und Dinge einfach mal ausprobieren? Ich bevorzuge letzteres, weil es mehr Freiheiten ermöglicht und meines Erachtens kreativer ist. Da kann es das Blog von Brigitte Zypries genauso geben wie den Podcast der Bundes-SPD, die beide nebeneinander existieren. Ich finde es wichtiger, dass diese Dinge auch außerhalb von Wahlkämpfen zum normalen Kommunikationsrepertoire gehören. Nachdem Joschka Fischer heute einen iPod geschenkt bekommen hat, bin ich da frohen Mutes :)

  5. Da hat endlich mal jemand ein wahres Wort gesagt:
    Die Frau ist Physikerin, hat genügend andere machtgeile Männer überstanden – ich muß sie nicht mögen um zu sehen, das sie ganz klar keine Marionette von irgendjemandem ist. *Der* wäre nämlich heute Bundeskanzler.
    Das wird nämlich bei dem stetigen Angie-Bashing ganz ungalant unterschlagen. Vielleicht muß man alle diese Eigenschaften haben um sich in diesem emotionsfeindlichen Dschungel durchzusetzen. Nach Inhalt und Leistung wird man jedenfalls nicht beurteilt und gefördert.