Arbeitsmarkt, ganz einfach betrachtet.

Da bleibt mir echt der Kaffee im Hals stecken, was da so mitfühlend im Spiegel daherkommt:

Unterdessen will die SPD-Fraktion offenbar den Forderungen der Gewerkschaften nach einer Entschärfung der Reform teilweise entgegenkommen und das Vorhaben zumindest leicht abmildern. Es herrsche Einigkeit auch mit SPD-Chef Franz Müntefering darüber, dass Langzeitarbeitslose, die vom nächsten Jahr an keine finanzielle Unterstützung mehr erhalten würden, mit Angeboten zur Weiterbildung und zur Qualifizierung entschädigt werden sollen, sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete Karin Roth der „Stuttgarter Zeitung“.

Hallo McFly, jemand zu Hause? Bei „Forderungen der Gewerkschaften nach einer Entschärfung“ mag ein naiver Mensch noch an das Gute im Menschen glauben. Was bitte ist daran eine Entschärfung, wenn die Gewerkschaft nach „Abmilderungen“ schreit, in denen sie fett Geld verdient hatten und seit einiger Zeit eben nicht mehr wie vorher? Wer waren doch noch mal die größten Nutznießer der „Arbeitslosenindustrie“, hm? Und seit wann in den letzten Jahren interesieren sich die Gewerkschaften für Nicht-Arbeitsplatzbesitzer? Ganz neue Töne!

Wer es nicht weiß:
Seit einiger Zeit wurden Weiterbildungen mit einer Erfolgsquote von 70% gefordert. Das funktioniert solange gut, bis man man ernsthaft nachdenkt und man sich das ganze Mal mit Zahlen betrachtet und in Relation setzt. Ein einfaches Beispiel für Lübeck:

Gegeben seien durchschnittlich 13.000 Arbeitslose pro Jahr. G
egeben seien durchschnittlich 1.000 freie Stellen pro Jahr.
Quizfrage I: Wie viele Menschen dürfen pro Jahr geschult werden?
Quizfrage II: Wie häufig?

Ah, sie ist gegen solche sinnvollen Regelungen und will Geld zum Fenster rausschmeissen? Von wegen. Ich lasse mich nur nicht für dumm verkaufen. Und anstatt den durchaus vorhandenen seriösen Bildungsanbietern immer mehr unsinnige Verwaltung mit Statistiken aufzubürden, sollten sich die Damen und Herren lieber einmal mit sinnvoller Bildungspolitik beschäftigen. Das würde bei diversen Mitarbeitern aber erst mal ein grundsätzliches ehrliches Interesse an dem Inhalt ihres Jobs erfordern und wenigstens ein Basisverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge.

Und nun lesen wir den zitierten Absatz oben noch einmal und was lese ich daraus? Bei Langzeitarbeitslosen wird es neue Budgets für Schulungen geben – und weil diese natürlich schwerer vermittelbar sind, kann man keine 70%-Klausel anwenden. Und diese Budgets werden – wie auch in der Vergangenheit – zugeteilt. Die größten Bildungsanbieter der Republik, die besonders unter der Erfolgsquote zu leiden hatten sind – Gewerkschaften und spd-nahe Einrichtungen. Selbstverständlich nicht nur. Aber besonders. Und genau in dieser Konstellation soll ich jetzt auf einmal an das Gute im Menschen glauben?

Ach ja – sie werden nicht zugeteilt, sondern „ausgeschrieben“. Bestimmt so intelligent, wie die Budgets für Existenzgründungsschulung in diesem Jahr. Wo ein Anbieter zum Beispiel das gesamte Gebiet Nord abdecken darf – von Sylt bis McPomm. Lokale Integration und Kenntnisse vor Ort sind ja auch nur eines der wichtigsten Qualitätskriterien solcher Schulungen und Beratungen.

Aber tun wir trotzdem einmal so, als wenn wir auf Wolke 17 leben und alle Welt nur Gutes im Schilde führt. Worauf sollen denn bitte Langzeitarbeitslose qualifiziert werden? Wie oft und mit welchen Sinn? Sie sollen genau welche Arbeitsplätze füllen?

Das Problem der Arbeitslosigkeit liegt nicht in erster Linie an Qualifizierung, sondern an

  1. Arbeitsplätzen, die in der bisherigen Form komplett wegfallen, sei es aus technischen Fortschritten oder Konkurrenzdruck
  2. Veränderten Marktbedingungen (ein Produkt wird nicht mehr nachgefragt)
  3. eingrenzende Gesetze wie zum Beispiel Kündigungsschutzgesetz und Steuer- / Sozialgesetzgebung
  4. unflexiblen Arbeitsnehmern
  5. unflexible Jobstrukturen, die meisten Menschen denken immer noch an einen einzigen Job von der Schule bis zur Rente
  6. Konsummentalität und „der Gesetzgeber hat es schon zu richten“

Nicht Weiterbildung bring Leute in Arbeit, sondern Arbeitsplätze bringen Leute in Arbeit. Und diese neuen Arbeitsplätze werden nicht in erster Linie von Leuten gefüllt, die eine Weiterbildung erfordern. Sondern man wird sich die Leute suchen, die auch ohne extra Aufforderungen oder Begünstigungen in der Lage waren, sich flexibler zu verhalten.

Selbstverständlich gibt es auch im Bereich der Arbeitsagentur Menschen, die denken können. Sogar wirtschaftlich. Aber genauso, wie man kein erfolgreicher Politiker wird, wenn man sich nicht wie andere Politiker verhält und deren Spielchen spielt, wird man nicht erfolgreich im Arbeitsamt Business, wenn man nicht die Strukturen des öffentlichen Dienstes mit all seinen Verränkelungen und Probleme auskennt und mitspielen kann.

Oder, wie ein Kollege es mal sagte: Wir können nicht auf der einen Seite einen Vertriebler dafür bezahlen, daß er so ist, wie er ist und auf der anderen Seite erwarten, daß er sich intern anders verhält. Wer einen Haifisch einstellt, bekommt einen Haifsich. Und die werden nicht friedliebender, nur weil man ihnen sagt, sie sollen es werden. (Einer der Gründe, warum ich bei sehr erfolgreichen Vertrieblern wenig von Personalverantwortung halte. Das ist eine Kombination, die selten gut geht!)

Heutzutage werden weniger Vollzeitarbeitsplätze geschaffen, denn diese müssen erst einmal bezahlt werden können. Einstellungen oder auch nur Teilzeit werden nicht durchgeführt, weil es für den Arbeitgeber einfach so viel Aufwand, Risiken und Ärger ist – das er es lieber sein läßt, weil es ihn mehr kostet als er einnehmen kann.

So wie ein Handwerksbetrieb mit 7 Mitarbeitern, der insolvent war und übernommen werden sollte. Einer der Arbeitnehmer war so unproduktiv, daß der Übernahmeinteressent gesagt hat „Ja, ich kann den Laden weiterführen, unter dem Namen und sichere 6 Arbeitsplätze, aber nicht mit diesem Mitarbeiter.“ Der Ma sollte gekündigt werden, aber das Arbeitsgericht hat gesagt „Nein, das wäre sozial für den MA nicht verträglich.“ Obwohl eindeutig dargelegt wurde, daß dann die gesamte Weiterführung nicht stattfindet, war es für den Richter akzeptabler, daß dieser eine nicht gekündigt wurde – und damit alle 7 in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden. Die Firma ging insolvent und die Insolvenzmasse wurde zu einem viel geringeren Betrag verschleudert – und der bisherige Inhaber darf sich jetzt überlegen, wovon er leben möchte.

Ich soll den Leser nicht für dumm verkaufen, weil ja der neue Firmeninhaber jetzt einfach die Mitarbeiter übernehmen kann? Falsch gedacht. Pustekuchen. Der neue Besitzer hat die Materialien, Gebäude usw übernommen. Und neue, andere Mitarbeiter eingestellt.

Es ist Zeit, sich endlich aus dem Wolkenkukucksheim zu verabschieden. Denn die Arbeitsplatzwelt ist nicht mehr die gleiche wie vor 10 oder 15 Jahren, und wird sich in Zukunft noch schneller ändern. Sie ist härter geworden sagen die einen – sie ist weniger ressourcenverschwendend geworden sage ich. Und das muß in erster Linie nichts negatives bedeuten. Die Weltwirtschaft nimmt keine Rücksicht darauf, was wir an Experimenten veranstalten.

Wie sagte meine Tante mal: „Mit der 35-Stunden-Woche haben die Gewerkschaften den Unternehmen eindeutig den Impuls und Anreiz gegeben, massiv an technischen Innovationen und Rationalisierungen zu arbeiten, weil Arbeit auf einmal massiv teuer geworden ist.“ Jeder mit max. 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und mehr Arbeitsplätze werden geschaffen? Das mag funktioniert haben bei einfacheren Tätigkeiten, wo ich jemanden nur kurz anlernen muß. Aber in der heutigen Welt? Selbst ein Fleischerlehrling ist heute ein halber Lebensmittelchemiker.

Gerade gestern von einem Kollegen gehört: In Finnland braucht es in Zukunft nicht mehr 5 Mitarbeiter einer Schicht, sondern nur noch zwei Mitarbeiter, um Waggons mit Papier zur Verschiffung zu beladen. Eindeutig ein Fortschritt, um wirtschaftlicher arbeiten zu können weil auch er konkurrenzfähig bleiben muß. Auf der Gegenseite z.B. in Lübeck, braucht es bei technischem Fortschritt auch weniger Mitarbeiter. Aber da sei ja der Staat vor, daß noch mehr Leute arbeitslos werden! Das muß verhindert werden!

Und was macht der Finne? Sucht sich zum Beispiel einen neuen Hafen, anstatt Lübeck Rostock. Oder eines der neuen EU-Länder. Denn wenn es für ihn preiswerter ist, über Land X zu gehen und auf der Ostschiene nach Süden zu transportieren, dann wird er genau das tun. Und dann hat hier keiner mehr Arbeit. Aber dafür kann man ja qualifizieren. Es braucht ja nur kurz eine Maßnahme des Arbeitsamtes und alles wird gut. Und die Erde ist eine Scheibe.

Will ich, daß jeder Freiwild für alles wird? Im Gegenteil. Nur will ich das ganze bitte sinnvoll wirtschaftlich angehen. Und nicht ideologisch. Das geht. Man muß nur wollen. Bzw. begreifen.

Nachtrag: Wolfgang Flamme hat noch ein paar interessant durchzuspielende Gedanken hinzugefügt. Lesen, marsch marsch ;o)

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ressourcenverschwendung, Bürokratenterror – alles geschenkt (kenn ich selbst aus dem Firmenalltag). Und der Schwachsinn der Weiterbildung für den A-Markt ist natürlich ein paar virtuelle Watschen wert. Doch was hat das (schwachsinnige) Weiterbilden mit der weltwirtschaftlichen Situation (Finne) zu tun?
    Mir sind zudem nebulöse Schlagworte wie „die Weltwirtschaft“ (wo wohnt die denn?) eher verdächtig, weil mechanistisch/ideologosch; und: Wie bitte möchtest Du das (jetzt mal abgesehen von der „Weiterbildung“) wirtschaftlich sinnvoll angehen? Denn es gibt wohl keine objektiv zu definierende Wirtschaft. Natürlich kannst Du sagen, daß wirtschaftlich nur das ist, was sich rechnet. Aber für wen. Ausschließlich für den Unternehemer? Dann haben wir halt wieder den Manchester-Kapitalism. Seit einigen Jahren wird von verschiedenen Seiten beklagt, daß sich „der Kapitalism“ immer weiter aus seiner gesellschaftlichen Mitverantwortung zieht. Also z.B. immer da Subventionen abgreift, wo es paßt, und wenn die aufgebraucht sind, geht man halt (und dabei wird gern übersehen, daß die Volkswirtschaften auch noch ein paar andere Dinge ermöglichen – für das eben auch von Unternehmen Steuern bezahlt werden müssen/sollen/können). „Wirtschaftlich“ sicher sinnvoll. Und das kann so lange getrieben werden, so lang es noch Volkswirtschaften gibt, die das zahlen (können).
    Aber ein bißchen sehe ich bei Dir das Szenario, daß sich alle Volkswirtschaften auf das niedrigst mögliche Niveau begeben, um dann irgendwann – ja, was? Einkommensschwache Bevölkerungen zu haben, die sich das Erzeugte nicht mehr leisten können?
    Alos: Was hat der schlaue Finne („Flexibilität“) mit (oftmals völlig bekloppten) Weiterbildungen zu tun? Für mich ist es jedenfalls eine Systemlüge, daß Vollbeschäftigung wieder möglich sei. Aber es muß ja nicht schlimm sein, daß nicht alle zwischen 16 und 76 ihre 8-Stunden-Schichten schieben können/müssen. Nur würde das eben ein paar andere Ideen als die z.Zt. „herrschenden“ erfordern.
    Und es ist auch eine Entscheidung der Einzelnen / der Gesellschaften, wie sie leben wollen. Und ob Hauptsache billig letztlich eine sinnvolle Option ist (auch für den Einzelnen), halte ich auch für fraglich.
    So weit erst mal. Vielleicht habe ich Dich ja auch komplett falsch verstanden. Daher hier Punkt. Mit der Bitte um und Bereitschaft zur Fortsetzung.
    mischa

  2. Hallo Nicole, wieso sind die Gewerkaschaften Nutznießer der Arbeitslosenindustrie? Das habe ich nicht ganz verstanden. Bei den Gewerkschaften kann ich mir vorstellen, daß sie über das Schreckensbild der hohen Arbeitslosigkeit mehr Zulauf bekommen. Hmm… Richtig geraten? *Mir raucht an dieser Stelle schon mal der Kopf :-)*

  3. @joblost
    Die Gewerkschaften sind Träger von Weiterbildungseinrichtungen. Beipielsweise hatte die DAA (verdi) im Jahr 2002 fast 110.000 Lehrgangsteilnehmer und beschäftigte 6000 Angstelle und Honorar-Dozenten. Das DGB-Berufsfortbildungswerk beschäftigt 2000 Mitarbeiter und ist auch in Sachen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit), Arbeitsvermittlung oder Berufsberatung aktiv.
    Dazu: http://www.mdr.de/fakt/aktuell/603149.html

  4. Ah, danke für den Link – sowas hatte ich doch schon beim Schreiben des Artikels haben wollen :o)