Der Krimi im Norden.

Ich weiß, andere nehmen das etwas ernster als ich es tue, aber ich fand das Ergebnis des dritten Wahlgangs (zugetragen durch einen Kollegen) spannend und den vierten Wahlgang habe ich dann am Radio meines Iriver fast live verfolgt. Und es war spannender als die Oskarverleihung.

34:34, kein Gewinn für Peter Harry, aber eine eindeutige Ohrfeige für Simonis. Den vierten hätte sie sich wirklicht nicht antun sollen. Und bevor mir hier jemand mit „wichtig, wichtig“ ankommt – es geht hier um Politik. Nicht um Menschen, die Leben retten oder anderes.

Wer nach einer sehr knappen Wahl völlig unreflektiert von Sieg redet, glaubt nach drei Wahlgängen mit konsequent 34 Stimmen aus den eigenen Reihen wahrscheinlich auch daran, daß der Osterhase kommt.

Doch angesichts der Spannung, um diesen Krimi habe ich mir auch die O-Töne diverser Herrschaften der SPD anhören dürfen, und das ist der Punkt, wo ich mit dem Kopf schüttele.
„Es muß in den Reihen … jemanden geben, der gerne Geschichte spielen möchte“, so SPD-Fraktionschef Lothar Hay. „Geschichte spielen möchte“ – aha, nur darum geht es es so jemandem also. „Da fühlt sich jemand übergangen, und will sich jetzt rächen!“. *notiere* Politiker kümmern sich nur um das eigene Ego und spielen Sandkasten.

„Das ist Verrat, daß darf man nicht“ – ach so. Kommentar eines Freundes: Neuwahlen? Wieso, ich dachte Ihr da oben wählt so lange, bis das von oben gewünschte Ergebnis herauskommt?

Ich meine, es geht hier schließlich um ein Bundesland, für das diese Abgeordneten kandidiert haben. Was man voranbringen will. Was große, zu bewältigende Probleme hat. Hätte ich so schlicht gedacht.

„Bei den internen Abstimmungen hat es nie ein Signal gegeben!“ – und ich Dummerchen dachte, ein Abgeordneter solle für sich selber entscheiden. Interessant am Rande: Sämtliche Kommentare der SPDler, die ich bis jetzt gesehen oder gehört haben, sprechen nur von einem Verräter in den eigenen Reihen. Wieso ist man sich da eigentlich so sicher? Umgekehrt gefragt: Wieviel Aufwand für Linientreue mußte dort getrieben werden?

Nachdem die Optionen neuer Wahlgang (noch peinlicher), große Koalition (iiiih nein mit den Schmuddelkindern spiele ich nicht!) oder Neuwahlen (oh Gott nein, die Leute könnten nach dieser Posse motiviert sein, klarere Verhältnisse zu schaffen) diskutiert wurden, kommt doch tatsächlich der geniale Vorschlag auf den Tisch:

Neuer Wahlgang mit neuem Kandidaten der SPD. Anscheinend habe ich etwas verpaßt, um den Witz daran zu verstehen.

Oh, interessante Entdeckung am Rande: Kubicki sagte laut NDR auf Phoenix „Das Land hat andere Probleme, als dass wir hier solange wählen, bis einer umfällt.“

Irgendwo anders habe ich jedoch gelesen, er solle „Das Land hat andere Probleme, als daß wir hier so lange wählen, bis der weiße Rauch aufsteigt.“ gesagt haben – kann letzteres jemand bestätigen? Ich meine, wenn der NDR schon denkt, daß der protestantische Norden sowas nicht weiß …

Und was lernen wir aus dem Ganzen?

„Ein Klassiker aus der beliebten Sendereihe Hinterbänkler mucken rum“ schreibt Nico. ‚Hinterbänkler mucken rum‘ – nichts wichtiges also, und was fällt denen eigentlich ein. Oben wurde doch gesagt, wo es langgehen soll.

„Ich bin menschlich absolut enttäuscht von diesem Ergebnis, fassungslos“ – die Herrschaften sprachen hierbei von der Tatsache, daß jemand so renitent bei der Enthaltung blieb.

Ich würde mir eher Gedanken darüber machen, daß jemand sich auf eine anonyme Abstimmung zurückziehen muß, um seine Meinung kundzutun. Wo Gespräche nicht reichten. Und es offensichtlich einem Selbstmord gleichkäme, zu dieser Entscheidung zu stehen.

Jeder hat offensichtlich das Recht auf eine Meinung – solange es die richtige Meinung ist.
Und Sandkastenspielchen sind wichtiger, als an gemeinsam an Themen zu arbeiten.

„Hat kein Rückrat, zu seiner Entscheidung zu stehen!“ würde es auch nicht besser machen – was macht so jemand im Landtag.

Und Ihr wundert Euch, daß ich von unseren Politikern nichts halte?

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Kommentar. Das ist das Beste, was ich in blogs dazu bisher gelesen habe.
    Es gibt keine Hinterbänkler. In einem so kleinen Parlament mit 29 Abgeordneten in der Fraktion kann sich keiner verstecken. Das kann man nicht mit den Bundestag vergleichen, wo die SPD-Fraktion 251 Mitglieder hat.
    Wenn also in Kiel ein „Verräter“ am Werk ist, dann haben die ein ernsthaftes Kommunikationsproblem.

  2. also im interview (AFAIR zwischen drittem und vierten wahlgang) hat er gesagt „wir können auch solange wählen bis einer umfällt. dann hat sie ihre mehrheit.“

  3. Kann mich Jörg nur anschließen – danke für diesen Kommentar. Fasst alles zusammen, was ich über diesen ganzen Vorgang danke. Ich kann allerdings auch die katastrophale menschliche Komponente dieser ganzen Angelegenheit nachvollziehen. Um so schwerer wiegt das fast schon hämische Verhalten des CDU-Gegenkandidaten…

  4. Ich glaube nicht an Zufälle. *spekulier* das war doch niemals ein einzelner „Hinterbänkler“. Wenn man sich nur mal anguckt, wie stark der „große-Koalition“-Flügel in der SPD war.. Aber in einem Punkt haben die mahnenden Stimmen recht: es wäre den Palastrevolutionären wohl kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie das der Simonis vorher gesagt hätten. Vielleicht auf dem Flur, nach dem 1. oder 2. Wahlgang. Ein einfaches „ach übrigens, wir wollen lieber einen neuen Vorsitzenden“ hätte ihr und dem Land diese Blamage erspart.

  5. Herr Kubicki sagte meines Wissens beides: erst auf die Frage der Reporterin (nach dem 3. Wahlgang), wie es denn nun weitergehe, sinngemäß „…wir können solange wählen, bis einer umfällt“ – und ein paar Sätze später als Statement „Das Land hat andere Probleme…“.

  6. Okay, vielleicht taucht das Zitat mit dem weißen Rauch noch irgendwo auf. 🙂

  7. ein Merkmal politischer Vorgänge ist es mittlerweile wohl nicht mehr. Nennt mich altmodisch, aber: ich denke, es sollte eines sein. Frau Simonis ist glaub ich seit Anfang der 90er Jahre für diese Partei unterwegs gewesen. Da hätte ihr ihre eigene Fraktion wenigstens einen Abgang ohne eine solche Demütigung ermöglichen können.