Die Abkehr von Myspace und Co. bedeutet nicht die „Rückkehr“ zu alten Kommunikationsformen.

Jochen Reinhardt verweist in der Gruppe „Business Weblogs auf openbc einen Artikel von AP „Wired-weary youth seek face time
Some experts believe social-networking trend has reached saturation point“
und fragt

Umkehrtrend bei Neuen Medien in den USA?
[…]

„As the novelty of their wired lives wears off, they’re also are getting more sophisticated about the way they use such tools as social networking and text and instant messaging – not just constantly using them because they’re there.

‚I think we’re at the very beginning of them reaching a saturation point,‘ says [Michael] Bugeja, director of Iowa State’s journalism school and author of ‚Interpersonal Divide: The Search for Community in a Technological Age.‘ „

Wo ist die die Balance zwischen Face2Face und virtueller Interaktion?

Eine Forum-Antwort und ein Blogposting
Während des Schreibens einer Antwort wurde mir klar, daß nur ein Teil davon in die openbc-Gruppe als Antwort gehört und der Rest in ein Blogposting. U.a. weil ich die Diskussion nicht nur in der Gruppe führen möchte, sondern auch wie üblich per Kommentar und Mail mit meiner sogenannten „peer group“.

Natürlich könnte ich ein paar anzurufen und über dieses Thema reden, aber daß würde genau dem Gedanken folgen, mit dem ich diesen Text geschrieben habe: Unsere Kommunikationsverhalten haben sich geändert und wir werden nicht mehr zu den ‚alten‘ Formen zurückkehren.

Ein Teil der Leser meines Blogs sind Freunde, ein Teil sind Bekannte, ein Teil kenne ich gar nicht und die Besucher via Suchmaschine erst recht nicht. Der größte Teil der Leser sind mir unbekannte Menschen, aber dieser Weg der Kommunikation ist der effizienteste um meine Gedanken zu den mir wichtigen Menschen zu bringen. Die anderen sind sozusagen der Bonus.

Mein letzter Trip in die USA zur Portable Media Expo in Kalifornien war vor allem dazu gedacht „Face time“ mit Menschen zu teilen, die ich zum Teil seit zwei Jahren kenne, deren Stimmen ich regelmäßig höre die aber einfach zu weit weg sind, um sich kurz mal zu treffen. Die Begegnung hat zu einer neuen Tiefe in einigen Freundschaften geführt, einige neue erzeugt – all das wäre aber überhaupt niemals entstanden, wenn wir nicht vorher eine virtuelle Verbindung aufgebaut hätten.

Und einige Teilnehmer mit denen ich mich schon vorher nicht verstanden habe? Die Begegnung hat auch diese Abneigung „vertieft“. Der Grund warum ich zu diesem Treffen gefahren bin und nächstes Jahr fest auf meinem Reiseplan steht? Weil es ein Schritt weiter in der jeweiligen Beziehung gewesen ist, aber keinesfalls ein Ersatz und eine Rückkehr zu reiner „face time“.

Zurück zu der Meldung über den angeblichen Umkehrtrend.

Ich sehe da wenig ‚Umkehrtrend‘ mehr falsche Schlußfolgerungen bzw. Andeutungen. Ich vermisse die klaren Aussagen über die generell geänderten Verhaltensweisen in der Kommunikation für den Leser um ihn daran zu erinnern, daß „ich höre auf myspace zu benutzen“ nicht die Rückkehr zu einer non-online vernetzten Welt bedeutet

„For some, it would be unthinkable – certain social suicide.“ sagt der Artikel über den Entschluß einen Myspace-Account zu kündigen. Von wegen.
Der Grund warum in dem Beispiel der 26 jährige seinen Myspace-Account kündigt – er ist der Usergruppe dieser Anwendung entwachsen. Seine neue Heimat heißt auch nicht Facebook (zu sehr college- orientiert) sondern Linkedin.

Er wird dort nicht mehr jeden Tag hingehen und nach neuen Freunden suchen sondern wissen, wie ein solches System funktioniert; außerdem hat er jetzt einen Job und weniger Zeit für solchen Schnickschnack. Linkedin wird er zurückführen auf die Basisfunktionen die er aus diesem System benötigt und in der sonstigen Zeit seine Kontakte aufgrund anderer Kriterien aufbauen.

Die Aussage ’sucht persönliche Begegnung statt online Interaktion“ sehe ich wie gesagt nicht. Er impliziert die Aussage daß nur ‚persönlicher Kontakt“ der wertvolle Kontakt ist und alles andere nur ein Surrogat.

[Es ist etwas versteckt in dem Artikel: Der ‚Saturation point‘ der hier erreicht wird ist der „ich benutze es weil es da ist“, nicht jedoch „ich höre auf es zu benutzen“. ]

Unsere Kommunikationsformen haben sich geändert
In dieser schlichten Betrachtungsweise wird unterschlagen, daß moderne Systeme der Kommunikation (speziell Systeme die mehr Inhalte produzieren als „be my myspace friend“) ein tieferes Verständnis der anderen Person erzeugen können als wenn ich mich jeden Tag mit dieser Person treffen kann.

Ich habe viele Bekanntschaften und Freunde online, die in kurzer Zeit eine Tiefe erreicht haben, die ich sonst nur mit wenigen guten Freunden teilweise über Jahrzehnte „in real life“ aufgebaut habe. Mir ist ebenso klar das die meisten meiner Altersgenossen diese Erfahrung nicht teilen. Für die nachkommenden Jugendlichen jedoch ist das Teil ihrer generellen Kommunikationsform geworden.

Es ist eigentlich schon immer die Erfahrung gewesen das Teilnehmer an virtuellen Systemen zwar zunächst sich mit aller Welt verbinden / unterhalten und das ganze nutzen, dann aber doch sehr schnell der Wunsch aufkommt, jemanden a) zu sehen b) zu hören c) zu treffen. Nicht weil es die logische Folge ist, sondern weil Teile dieser für uns so gewohnten Kommunikation in der reinen Online-Welt fehlten.

Jede Frau die sich jemals in einem Chat-System rumgetrieben hat weiß, daß die Frage nach „wie siehst Du aus???? Hast Du ein Foto!!!“ oft eine der ersten und wichtigsten für die männlichen Teilnehmer ist. (Die meisten Social Software Systeme unterstützen diesen Trend natürlich.)

Die virtuelle Welt – so spannend sie auch für viele ist – ist für die meisten viel zu abstrakt aufgebaut, viel zu unverständlich. Sobald ein System herauskommt das es einfacher macht mit anderen zu kommunizieren wird es genutzt – und bisher genutzte Systeme links liegen gelassen. Das haben wir mit Spielzeug als Kinder ganz genauso gemacht.

Die Kindheit ist ein passabler Vergleich mit den Myspace-Systemen von heute – wer hat in der Grundschule noch Kontakt zu Kindergartenfreunden, in der weiterführenden Schule zur Grundschule? Wenige Ausnahmen, wenn überhaupt.

Warum die abstrakte Onlinewelt nach (be-)greifbareren Alternativen hungert
Zurück zur Face to Face Kommunikation und zum Abstrakten: Einer der Gründe warum Podcast m.E. erfolgreicher / mit mehr Wirkung behaftet sind als Blogs liegt schlicht darin, daß ich etwas sehe bzw jemanden hören anstatt nur trockenen Text zu lesen. Das entspricht viel mehr der menschlichen Art der Kommunikation.

Virtuelle Welten wie Second Life erlauben mir noch einen Schritt weiterzugehen: Obwohl Audio momentan noch kein Teil des Systems ist, wird die Möglichkeit jemanden zu sehen und bei den Bewegungen zu beobachten als so wertvoll wahrgenommen, daß es viel realer erscheint als einen Text zu lesen oder zu hören.

Fortgeschrittene Spieler / Nutzer von Second Life nutzen übrigens Skype zur gleichen Zeit, um den Audioaspekt hinzuzufügen und auf das rudimentäre Chatsystem verzichten zu können.

Videokonferenzen sind nicht deswegen unbeliebt an sich sondern weil es so umständlich ist diese zu nutzen bzw. aufwendig aufzusetzen.

Und warum wird ein E-Mail-freier Tag im Unternehmen begrüßt als effiziente Abwechslung? Weil die meisten User keine Ahnung haben wie sie die Systeme benutzen können und sollen. Schaut man in normale Unternehmen sieht man auch heute noch Massen von Mails mit CC, nicht aussagekräftigen Subjects etc.

F2F wird gesucht, weil für die meisten der heutigen Mitarbeiter die neuen Tools eben nicht effizient genutzt werden sondern versucht wird mit alter Denke neue Systeme zu benutzen. So wie auch heute noch die meisten Mitarbeiter eine Textverarbeitung mit dem Mind Set bedienen, sie hätten eine mechanische Schreibmaschine vor sich.

Die Jugend von heute bringt ein anderes Verständnis in die Berufswelt
Hier wird der Aspekt mit der Jugend aus dem Artikel wieder interessant:
Während also „einfache“ Systeme wie Myspace langweilig werden und Accounts gelöscht werden, haben die Jugendlichen trotzdem eine ganze Menge Erfahrung in der Nutzung solcher Systeme erhalten.

Wants, Haves, Favorites, Specialties, wer ist mit wem verbunden findet ein Äquivalent in „wer kann meine Frage beantworten, wer ist zuständig für, wer arbeitet in welcher Abteilung, wer kann mir helfen“ – sofern die Systeme im Unternehmen diese Fragen unterstützen.

Auch die Aussage „Jugendliche verwenden nur noch IM“ nehme ich so einfach nicht hin. Für das private Kommunikationsverhalten ja. Aber der Weg von „ich benutze nur IM“ zu „ich verwende auf der Arbeit E-Mail als Möglichkeit zur Kommunikation“ ist weitaus einfacher als „ich verwende das Telefon“ zu „ich nutze E-Mail als effizientes Kommunikationsmittel“.

Aus meiner Erfahrung würde ich auch sagen daß während letztere Gruppe Meetings bevorzugt (weil man es gewohnt ist) sind Onlinenutzer viel gewillter zu sagen „das müssen wir nicht jetzt bearbeiten, daß können wir viel effizienter / schneller online erledigen“

Face 2 Face time wird damit auch effizienter genutzt und als wertvoller empfunden – nicht jedoch als die einzig mögliche der Interaktion. Darauf aufbauend können Unternehmen komplett neue Konzepte der Zusammenarbeit erstellen, müssen dabei jedoch berücksichtigen ob die Mitarbeiter in Frage schon so weit sind.

Und ein Gedanke zum Schluß
Heute werden Brieffreundschaften von Menschen die sich niemals oder nur wenige Male im Leben gesehen haben als echte Freundschaften angesehen und gelobt. Diese hatten idR nur Text und wenig mehr, während wir heute Möglichkeiten in Bild, Ton, Text in Sekundenschnelle haben. Warum sollte das auf einmal weniger wert sein?

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(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die Beispiele dieses Posts zeigen sehr schön: Umkehr ist keine Rückkehr, sondern eine Abkehr vom Weg hin zur Bubble 2.0 (http://beissholz.de/pivot/artikel-1391.html (wie so treffend beschrieben) – insofern wäre wohl Abkehr vom Web 2.0 Hype vor allem in den USA die bessere Bezeichnung gewesen. Jedes Bedürfnis und jede Zielgruppe hat seine speziellen Kommunikationsformen (haben sie sich wirklich geändert oder gibt es nur immer effizientere Formen, sie zu pflegen?), die nicht notwendigerweise über Blogs, IM etc. bedient werden können, wie das das insbesondere die US-Auguren (und auch die Bewertungen einiger Firmen) glauben machen (wollen). Virtuelles eignet sich hervorragend, Interessierte zu erreichen, MySpace und Co sind die Welten der Jungen, LinkedIn und OpenBC die Netzwerk-Grundlagen der Globalisierten, die Messen das Treffen zum Vertiefen und so weiter.
    In der Auswahl und dem geschickten Einsatz aller Kommunikationsformen besteht der Mehrwert des Web 2.0. Die Gefahr lauert in der Masse an Möglichkeiten: nämlich das eine zu machen und das andere zu lassen – oder gar abzuwerten.

  2. Für mich bedeutet Web 2.0 vor allem die Beteiligung des einzelnen am generellen ‚Gespräch‘; „markets are conversations“ aus dem Cluetrain wurde 99 veröffentlicht doch kommt erst nach der ersten Blase zum tragen.
    Diese Macht oder wie man immer es auch nennen möchte gab es in Ansätzen schon vor 10 Jahren, aber erst jetzt ist es soweit daß der einzelne mit dem Rest der Welt redet. Man könnte jetzt auch sagen „die Welt kehrt dem Usenet den Rücken und wendet sich Blogs zu“ – in der Tat ist Usenet bei weitem nicht so erfolgreich wie es Blogs und andere Tools heute sind.
    Allerdings ist es nicht eine solche Entwicklung wie in dem Artikel beschrieben – die Abkehr von einem System weil man zu alt dafür wurde.
    Ich hatte in dem Artikel meinen Lieblingsspruch über „ein jedes Werkzeug wird zum Hand in eines tumben Toren Hand“ – ich glaube wohl das Technik uns als Gesellschaft weiterbringen kann, nur haben wir noch lange nicht die Unterstützung gefunden noch kann jeder bereits die heutigen Tools wie es notwendig wäre bedienen.
    Web 3.0 wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Und Bubble 2.0 wird hoffentlich nciht so schmerzhaft für die meisten werden wie 1.0 :)