Don’t make me think oder: von Muscheln und Erbsen.

Man unterstellt mir gerne, ich wäre Perfektionistin, hätte ein fotographisches Gedächtnis, fände alle Fehler (besonders Rechtschreibung und logische Fehler in Konzepten) und könnte ‚alles‘ auf dem Rechner. Speziell die Autoren meiner Lieblingsprogramme können ein Lied von meinen Quengeleien über Standardbenutzeroberfläche etc singen ;). Ich wäre hocherfreut, wenn nur ein Teil davon wirklich zutreffen würde, vor allem das mit der Rechtschreibung und dem fotographischen Gedächtnis wäre oft praktisch.

Ich habe allerdings in der Tat eine Begabung dafür, bestimmte Arten von Widersprüchen bzw. Fehler zu sehen und (in Ermangelung einer besseren Beschreibung) „Dinge in eine sinnvolle Reihenfolge ohne Angriffsflächen für Einsprüche usw.“ zu bringen. Wer jetzt an Qualitätswesen und Erbsenzählerei denkt, denkt zu schlicht. Ich zähle keine Erbsen, ich zähle Muscheln am Strand. Und ich schlage auch vor, was man mit den Muscheln anfangen könnte – denn:
Ich bin eine Feedback- und Ideengeberin mit dem Ziel, andere weiterzuzubringen. Das kann ein Gründerkonzept sein, die innere Logik einer Präsentation, das Arrangement von Bedienelementen oder auch nur gefundenes kleingeschriebenes Sie/Ihr/Euch in Texten. Auf viele wirkt es wie Erbsenzählen – Sandkornzählen wäre damit vergleichbar, aber nicht die Muscheln. ;o)

Und ich beherrsche mein Arbeitsmittel Computer für meine Zwecke sehr gut. Ja, ich arbeite unter Windows und man kann damit effizient arbeiten.

Windows und Effektivität oder gar Effizienz? Wer mich jemals am Rechner gesehen hat, weiß wie verdammt schnell ich damit bin. Zu mir kommt man mit Bestechungsgut, damit ich in 5 min etwas erledige, weil man selber dazu zwei Stunden oder mehr braucht (das süffisante Grinsen und die entsprechende Kommentare sehe ich dabei als erwiesenermaßen funktionierende Motivation zum Selber-Erlernen an).

Wenn man die innewohnende Philosophie der Bedienerführung erst einmal verstanden hat, lernt man neue, dem Standard entsprechende Programme sehr leicht. Ich habe z.B. Powerpoint dadurch gelernt, daß ich als Supporterin meine Kenntnisse der anderen Office-Programme und Logik eingesetzt habe.

Was nun meine Arbeitsumgebung betriff, bin ich unflexibel. Ich lege nämlich höchsten Wert auf effiziente, logische Bedienerführung, vor allem vernünftige Tastenkombinationen – und zwar bitte mit der Standardbelegung.

Man übersieht gerne, wie konsequent und durchgängig gewisse Standards bei Programmen von MS und einigen Mitanbietern umgesetzt sind. Sie sind nicht immer ausgewiesen, aber sie funktionieren. Beispiele gefällig?

  • ESC bricht die aktuelle Aktion ohne Auswirkung ab. Immer.
  • Dialoge sind durch Tab/Shift-Tab in der Reihenfolge durchgehbar, die dem logischen Arbeitsablauf entspricht
  • Die wahrscheinlicheste Aktion in einem Dialog ist initial gesetzt
  • Dialoge lassen nur positive Aktionen ungefragt zu, alles möglich zerstörerische ist zu bestätigen
  • Nur eine Auswahlmöglichkeit: Radiobutton. Mehrere: Checkboxes. Gesetzt oder nicht gesetzt hängt von den Anforderungen ab.
  • Jeder Menüpunkt ist über Alt-Kombinationen erreichbar zu gestalten, zusätzliche Standardtastatur-Kombinationen ebenfalls.
  • CTRL-Z bzw. Alt-Backspace ist Undo.
  • Rechte Maustaste bringt ein kontextsensitives Menü mit den aktuell logischen passenden Möglichkeiten (einfach mal ein paar rechte Klicks im Internet Explorer auf Text / Freiraum / Bild / Links / URL / selektierte Url machen)
  • CTRL-S ist Speichern, P ist Drucken, CTRL-A markiert alles, Space scrollt Text (wenn nicht zur Eingabe verwendet), bei mehreren Registerkarten switcht CTRL-PageUp/Down von Register zu Register, F10 ist Menü und und und und und.

Jede Störung nervt, unterbricht mich in meinem Arbeitsfluß – sowas hasse ich und ich reagiere ziemlich allergisch darauf. Jede Applikation, die meint, sich noch nicht mal an Basics halten zu müssen (z.B. keine per Alt-Kombi erreichbaren Menüs) oder eigene Ideen von Tastenbedienungen zu haben, fliegt von meinem Rechner. Ich habe keine Zeit mit sowas zu verschwenden. Es gibt andere Programme.

Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum ein Open Office nicht mit einer MS-Office-like Tastaturführung als Zusatz geliefert wird – Excel zum Beispiel akzeptiert m.W. Lotusbedienerführung. Und diese Haltung ist auch der Grund, warum ich keine webbasierten Applikationen mag, wenn es keinen besonderen Grund dafür gibt (obwohl ich selbst dann diese oft schneller bedienen kann, als der normale User): selbst wenn es sein muß, lassen diese meistens viel an sinnvoller Bedienerführung missen.

Ich sage nur SAP – *das* ist ein reines Mauskonsumanregungsprogramm. Man muß ja schon dankbar dafür sein, wenigstens ab und an gleiche Aktionen wie Downloads in der gleichen Menüposition wiederzufinden und ganz selten auch mal *gasp* Tastenkombinationen.

Und wie komm ich nun darauf? Wie ich schon mehrfach erwähnte, arbeite ich für meine ganzen Feeds mit dem Open-Source-Programm Feedreader. Übrigens fast der einzige freie Reader mit dem man sinnvoll effizient arbeiten = große Informationsmengen bewältigen kann, denn ich liege bei knapp 370 Feeds (und ja Heiko, man kann soviele konsumieren, erstens liest man nicht alles und zweitens schreibt auch nicht jeder jeden Tag soviele Einträge).

Da habe ich gerade eine wenig sinnvolle Bedienerführung beim OPML-Import-Dialog angemahnt. Der war nämlich sehr verwirrend und absolut nicht benutzer-führend. Ergo habe ich eine ausführliche Mail mit Vorschlägen geschrieben, was die Bedienerreihenfolge sein sollte, mit welchen Feldern, in welcher Anordnung, mit welchem Fokus, mit welchen wann Funktionen enabled / disabled, welche Standards zu setzen sind und mit welchen Sicherheitschecks und Alternativen sowas auszustatten ist.

„Jaja, immer nur meckern, selber besser mache!“
Falsch. „Wer von uns kann das am besten“ muß die Devise lauten. Die investieren ihre Zeit zum Programmieren, ich investiere meine Zeit, meine Art von Fehlerreporting zu machen. Und zusammen ergibt das eine gut funktionierende, effizient zu bedienende Software. Wenn die beiden liebenswürdigen Programmierer meine Mail dann hoffentlich umgesetzt haben, ergibt das ein selbsterklärendes, unspektakulär funktionierendes Dialogfenster.

Denn draum geht es: Unauffälig den Nutzer unterstützen. Wie heißt doch so gut der Titel eines Buches? Don’t make me think.

Und das gilt erst recht für Bedienelemente.

Übrigens bedauere ich es immer noch sehr, daß ich ein Exemplar des MS Userface Designguides in der alten Abteilung liegengelassen habe. Wenn jemand einen adäquaten Nachfolger dafür kennt, bitte her damit.

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,
    Ein schönes Neues Jahr für Dich!!
    Deine Gedanken sind sehr interessant!! Ich bin auch der Meinung, das sich mit Windows durchaus effektiv arbeiten lässt. Und SAP-Anwendungen sind ja, nicht nur was Benutzer- und Menüführung angeht, eh ein Gräuel…
    Allerdings hatte ich Probleme beim Umgang mit dem Feedreader. Ich verwalte auch eine grosse Menge Feeds.
    Vor einiger Zeit bin ich auf den feeddemon umgestiegen. Das ist nun wirklich ein gnadenlos gutes Programm!!!
    Kann ich dir nur empfehlen. Ist für Win, aber nicht umsonst (25 Dollar..). Aber jeden Cent wert…
    Liebe Grüsse, kho

  2. Ich fand feeddemon in der Betaphase als hmmm zu bunt, zu unruhig. Ausserdem gingen dort Sachen nicht, die ich aber gerne haben wollte. Daher ist es einfacher, konstruktiv an der Entwicklung von Feedreader mitzuarbeiten ;o)
    Ich werde mir aber die Zeit noch einmal den Feedreader ansehen, einfach um zu sehen, was sich zur finalen Version noch einmal geändert hat.
    Rein interessehalber – was für Probleme hattest Du?

  3. Hallo,
    nun, zum einen hat der feedreader ein Problem mit dem „z“. Beim Kommentieren über feedreader war das extrem nervig..
    Was mich sehr gestört hat, war die Organisation, die Ordnerstrukturen..Ich fand das sehr lästig, neue feeds konnte man nicht direkt im Zielordner anlegen..
    Solche Sachen…Und all diese Probleme gibt es im feeddemon nicht. Und bunt?? Ich weiss nicht, welche Version du getestet hast, ich für mich sehe das eigentlich nicht…
    Liebe Grüsse, kho

  4. Wer es schafft 370 Feeds regelmäßig zu lesen, dem gehört mein Respekt. Allerdings finde ich, wer soviel Zeit in das Lesen von Weblogs etc. investiert, der kann sich für ein nettes Programm auch mal die Zeit nehmen neuartige Bedienungskonzepte kennen zu lernen. Wie zum Beispiel die Anhängerschaft von vi und vor allem deren Effizienz zeigt, ist vi/vim mit seiner auf den ersten Blick absolut ungewöhnlichen Benutzerführung sehr erfolgreich.

  5. Die Programme müssen das Zeugs aber auch verkraften können …
    Übrigens, ich mag Vi durchaus. Und Einbauküchen nicht.
    ESC-Shift-zz