Ein paar Gedanken zu Web 3.0 oder wollt Ihr wirklich zurückbleiben?

Ich liebe es wenn ein Tag mit einem guten Artikel anfängt der mich inspiriert und mit Energie befüllt. Da die NYT Artikel nach einiger Zeit hinter Sperren setzt empfehle ich den Artikel jetzt zu speichern: „Entrepreneurs See a Web Guided by Common Sense“ von John Markoff. (Zusatzlink Nicolas Carr auf Roughtype „Welcome Web 3.0„)

Nein, es ist nicht das übliche „Web 3.0 ist mashups ohne O’Reilly“, sondern wirklich ein Blick auf heute und wo die Reise hingeht.

In its current state, the Web is often described as being in the Lego phase, with all of its different parts capable of connecting to one another. Those who envision the next phase, Web 3.0, see it as an era when machines will start to do seemingly intelligent things.

Ein paar Gedanken von mir dazu:
Ich habe das Cluetrain-Buch 2001 oder so gelesen und habe im letzten Jahr den Eindruck erhalten daß ich jetzt langsam anfange es wirklich zu verstehen. Vorher war es ein Gefühl, langsam wird es Gewissheit. Es brauchte wohl Zeit zum Reifen.

Wenn ich heute Raumschiff Enterprise mit den Borgs sehe kann ich ebenso nachfühlen was das Kollektiv bedeutet. Es ist ein ähnliches Gefühl wie ich habe, wenn ich getrennt vom Netz bin. Ich verstehe daß manche Menschen nicht verstehen, warum man jederzeit auf Wunsch verbunden sein will – weil sie in dieser Aussage nur das „jederzeit“ wahrnehmen und nicht „auf Wunsch“.

Sie mißverstehen es als eine Sucht die der Heilung bedarf. Wenn ich die Gegenfrage stelle ob sie ebenso ohne Elektrizität und Warmwasser leben können gibt es selbstverständlich empörte Blicke. Aber sie kommen dahin. Sie verstehen es vielleicht nicht so in der Tiefe daß sie schon soweit sind, aber sie sind es. Wer sagt noch „geh eine Suchmaschine benutzen“? „Geh Googeln“ paßt auf viele Fragen, nicht nur die klassischen Suchmaschinenthemen

Warum Google besser als der Rest ist
Ich war nie der richtige Hardcore SF-Leser und die Technik ist mir auch nicht so wichtig – also mehr Gucky als Rißzeichnung – ich will das sie funktioniert. Web 2.0 (was immer das auch ist) hat in den letzten 1-2 Jahren Dinge hervorgebracht, die mir mein Leben vereinfachen, Arbeit abnehmen.

Ich liebe die Idee, alles im Netz verfügbar zu haben von jedem Rechner (und wenn es denn irgendwann soweit ist auch vom Handy), aber ich bin ebenso ein Tastaturfreak. Erst Gmail hat es hinbekommen mir einen Service zu liefern mit dem ich online Mail erledigen mag. Wer ab und an mal auf die Standard-HTML-Oberfläche zurückschaltet bekommt das Gruseln.

Google funktioniert (Suche als auch die Werbungseinblendung) weil sie ungeschlagen sind in der Beantwortung der Frage „was will ich gerade wissen“ und nicht „was paßt zu dem was ich eingegeben habe“. Das ist noch keine AI, aber auf dem Weg dahin.

Ich muß keine AI haben der ich zurufe „Computer, welche Filme laufen heute abend?“Ich kann damit leben daß ich (wie mir in San Francisco passiert) bei Google movies eingebe und das Kinoprogramm von San Francisco präsentiert bekomme.

Und ich bin auch schon sehr zufrieden damit daß Excel es versteht, wenn meine „Formel“ mit +- anfängt, so daß ich -3+6 eingeben kann, anstatt wie bei Openoffice dazu gezwungen werde die Formel mit dem Gleichheitszeichen zu starten. Google Spreadsheets versteht das seit der neuesten Version ebenfalls.

Hat sich jemand schon mal gewundert, warum Google im deutschen Markt eine solche Monopolstellung einnimmt und des deutschen Suchers liebstes Kind ist und Yahoo und MSN unter ferner liefen Randfiguren sind?

Ein paar einfache Beispiele: Die deutsche Sprache hat – anders als die englische – Endungen und Umlaute/ß. Wir schreiben Dinge gerne in Wortkombinationen anstatt Wort Kombinationen. Und genauso suchen wir auch. Jedenfalls die normalen Menschen. Google beantwortet diese Fragen schon heute gut bis sehr gut, weil sie die Daten nicht nur technisch analysieren sondern auch Kontext und Aufbau der Sprache des Suchenden mit in Bezug nehmen.

Wie zum Beispiel auch Werbung. Geotargetting ist eines der großen Themen die MEIN Leben einfacher machen. Es ist kein Wunder, daß Google Qype als Datenlieferanten akzeptiert hat – weil die Daten in einer strukturierten Form aufgebaut sind, die deren Leben einfacher machen.

Es ist auch kein Wunder, daß sie den Map-Service anbieten – es ist eine elementare Voraussetzung für die (jetzt schon vorhandene?) nächste Stufe von Search, das noch gezieltere lokale Suchergebnis. Google hat auch besser als andere verstanden daß das Netz international ist.

Der Fortschritt begann interessant zu werden, als das Netz anfing sich um Menschen zu kümmern.
Wenn mich jemand fragt was Web 2.0 ist kommen keine Entwickler typischen Buzzwords heraus. Ich sage immer „It is about empowering the people“ und das meine ich auch so. Es ist nicht mehr Technik um der Technik willen, sondern es ist Technik, die dem Benutzer das Leben einfacher macht.

Einer der Gründe übrigens warum es so wichtig ist die sogenannte Diversity herzustellen und u.a. mehr Frauen in die Technologie-Konferenzen zu bekommen. Weil sie sich weniger für die Technik als für die Anwendung dessen interessieren; damit auch ganz andere Funktionen herausfordern als Männer.

Blogs sind nette Spielzeuge, aber all die Ergänzungen in den letzten Jahren haben an der eigentlichen Funktionalität wenig geändert. Ich schreibe Artikel und die können gefunden und gelesen werden. Ich nehme Podcast auf und die können gesehen / gehört werden.

ABER: Auf einmal kann es das Volk, und nicht mehr nur der Adel hat Zugang zu Informationen. Falsches Jahrhundert? Nicht wirklich.

Die Entwicklung wird schneller und phantastischer.
Das Netz in der Form das es allen zugänglich ist ist vielleicht 15 Jahre alt. Was hat sich in den letzen 15, 10, 5 Jahren alles verändert und unser Leben wie auch unsere Gesellschaft verändert?

Ich bin mir sicher daß Historiker der Zukunft auf die 90er Jahre zurückblicken werden und sagen werden „und es begann – mit Technik“. Und ab 2000 sehen werden wie Menschen teilnehmen – nicht nur eine Handvoll, sondern die meisten. Ja, es gibt noch genügend Gebiete auf der Erde wo wir ganz andere Probleme haben als Technologie!

Wirklich? Arme Bauern in Indien haben „Zaubermaschinen“ betrieben durch Energie durch ein Fahrrad wo sie nachschauen können was der Weltmarktpreis ihrer Güter ist und ob es sich lohnt den weiten Weg in die Stadt auf sich zu nehmen; sie können erkennen ob ihr Händler sie über das Ohr haut. Auch das ist das Netz.

Mit schneller meine ich aber nicht nur die letzten 10 Jahre, sondern auch kurzfristig. Es ist eine Vielzahl von Dingen und Funktionen die ich heute gar nicht mehr von dem Zustand von vor 2-3 Jahren trennen kann und will. Auf der anderen Seite gibt es Funktionen wo ich mich fragen muß warum verdammt noch mal es immer noch nicht funktioniert.

Ich habe 1994 einer Präsentation bei IBM beigewohnt, wo die in der Lage waren Spracherkennung auf Deutsch inklusive einer Gramatikkomponente zu präsentieren. Die Rechenleistung der damaligen Mid- / Großrechner sollte heute von den meisten Rechnern erreicht worden sein – warum gibt es immer noch keine funktionierenden Spracherkennungssoftware? (Mein englisches Dragonspeaking scheitert übrigens daran, daß mein Akzent noch nicht Amerikanisch genug ist …)

Lernt Englisch. Das Netz entwickelt sich international
Deutschland ist einer der größten Staaten Europas und eine Wirtschaftsmacht in vielen Industrien. Es wird Zeit das die Bewohner dieses Landes aufhören nur in ihrem eigenen Sandkasten zu spielen und zu glauben es wäre die Welt.

Wenn ich von meinen „Reisen“ berichte komme ich mir manchmal vor wie ein Berichterstatter der zum ersten Mal wilde Stämme in Afrika besucht oder die neue Welt und Geschichten für zuhause mitbringt. Es ist der Versuch ein wenig davon zu berichten, was in dieser Welt stattfindet und auch der Versuch ein wenig Perspektive zu bringen.

Ich mache das nicht um zu zeigen, wo ich mich schon wieder rumgetrieben habe oder um zu zeigen wen ich wieder tolles getroffen habe. Silicon Valley z.B. ist ein Dorf. Taucht man dort ein paar Mal auf trifft man Leute einfach so auf Vor-Ort Veranstaltungen – die nahezu jeden Tag stattfinden.

Geht man häufiger auf Konferenzen, fällt man auch dort auf. Aus dem schlichten Grund daß ich a) eine Frau bin b) geek bin und c) exotisch bin. Daraus ergeben sich neue Kontakte und Impulse.

Doc Searls, Co-Author des Cluetrain-Manifestos kommt auf mich zu und und stellt mich seinen Kontakten vor. Weil wir uns ein paar Mal gesehen und nett unterhalten haben. Robert Scoble ist ein netter Geek und ich bin vor allem mit seiner wundervollen Frau befreundet. Sein Boss John Furier kennt meinen Namen und kommt auf mich zu um mich zu interviewen. Mit Chris Microformat Messina und Tara Hunt habe ich eine nicht weiter zu erwähnende Episode in einem Fahrstuhl. Erzählt man Dave Sifry von Technorati über Probleme mit seinem Service dann bittet er um eine persönliche Mail an ihn.

Das ist kein Namedropping, sondern nette Menschen wie Du und ich, die einfach in einem kleinen Ecosystem leben und wohnen. Sie sind für eine Menge Menschen wichtig sind. – und für 99% der restlichen Menschheit absolut irrelevant. Und wenn Ihr sie häufiger treffen würdet, könntet Ihr die gleichen Geschichten erzählen.

Man kann das ablehnen und sagen „Deutschland reicht auch“. Tut es leider nicht. Wenn sich in Deutschland die Berichterstattungen um Seiten wie Ehrensenf überschlagen dann ist das nett – aber mehr auch nicht. Und wenn Ehrensenf für ein innovatives Konzept gelobt wird dann ist das schlicht lächerlich – wenn man ein wenig Informationen von außerhalb hat.

Man muß dafür nicht reisen. Ich sitze hier ganz bequem in einer deutschen Kleinstadt und tippe diesen Text während ich gleichzeitig mit einem Teil der Welt kommuniziere (ich sage ja, schafft die Zeitzonen ab).

Die Entwicklung findet international statt und egal auf welchem Teil der Erde es ist, es wird nicht in Deutsch stattfinden.

Ich bin seit über zehn Jahren im Netz aber es ist ’nur‘ zwei Jahre her daß ich den Schritt in die englische Netzwelt vollzogen habe. Und bedauere es immens daß ich nicht schon vor zehn Jahren dort aufgetaucht bin.

Der Hinderungsgrund war die Sprache die ich damals leidlich beherrschte und zugegeben, es war damals nicht ganz so einfach in die Sprache einzutauchen wie es heute ist. Heute gibt es keine Entschuldigung mehr Englisch nicht zu lernen. Egal welcher Lerntyp, ob visuell, audio, oder textuell, die Informationen sind da und zugänglich.

Ich fühle mich heute wie ein Fisch im Wasser wenn ich drüben bin. (Nicht Amerika wohlgemerkt, in San Francisco und dem Valley.) Manchmal komme ich mir schon ‚zu alt‘ vor (siehe daher auch obige Bemerkung über die neun verschenkten Jahre). Dann aber rufe ich mir in Erinnerung was Doc Searls immer sagt: Alles was ich heute bin hat begonnen nachdem ich 40 wurde.

Beschäftigt Euch heute damit. Die Entwicklung überholt Euch sonst und das wäre schade.
Ob Podcasting, Videocasting, Second Life, oder was immer das Hypethema ist – das gemeinsame Basiselement ist und bleibt die englische Sprache. Ja, mehr und mehr Dinge finden auch in Deutsch statt und werden anders in Deutschland aufgenommen. Aber die Entwicklung beginnt in Englisch.

[Die meisten haben keine Chance chinesisch zu lernen, daher beschränke ich es mal auf Englisch]

Denkt 5 Jahre zurück, und zehn. Oder nur ein Jahr. Schaut Euch alleine 2006 an. Ich bin mir noch nicht mal sicher wo wir in einem Jahr stehen werden, ob Bubble 2.0 oder nicht.

Unsere Kultur, unsere Welt, unsere Wertvorstellungen, unsere Interessen haben einen Platz in dieser Welt – so sie denn gehört werden. Nehmen wir nicht teil, dann entwickelt sich das Netz ohne uns weiter.

Wenn Euch das nicht schreckt: Ich nehme teil. Überlegt Euch, ob Ihr ernsthaft möchtet das meine Ideen und Vorstellungen als „that is what Germans want!“ verstanden werden. ;o)

Technorati Tags: , , , ,

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin beeindruckt. Wie immer, wenn Leute öffentlich über sich, ihren Job und Motivation nachdenken und dabei Denkanstöße geben, die mich ebenfalls hinterfragen lassen, was ich eigentlich täglich tue.
    Ich bin auch immer beeindruckt von dem, was aus den USA zu uns rüberschwappt, habe aber zumindestens für meinen Bereich (Zeitungsverlage) auch lernen müssen, daß vieles für Deutschland erst mühselig adaptiert werden muss oder aber hier nicht läuft. Für meinen Berufszweig ist da eher der Blick nach Skandinavien wichtig, wo die niedrige Bevölkerungsdichte dafür sorgt, daß sich die Firmen Gedanken machen müssen wie sie ihre Kunden online erreichen (und damit meine ich nicht nur die technische Erreichbarkeit).
    Für mich ist das Thema der kommenden Jahre nicht die Technik, sondern ihre Beherrschbarkeit für den Nutzer. Wie kann ich Technik dazu einsetzen, das Leben einfacher zu machen? Wie kann Sie Wege zu Informationen verkürzen, Informationen aufbereiten, zur Verfügung stellen? Einer der Google-Erfolgsfaktoren ist ja die Simplifizierung: Einfache Suche, einfache Buchung von Werbung, einfache Nutzung von Kartenmaterial, einfache Website-Analysis.
    Das wird wohl das Thema sein: Wie Google Regionalität nicht national sondern nach Kulturkreisen zu begreifen, das technisch mögliche nach seinem Nutzen für Chinesen, Araber, Amerikaner und Europäer zu hinterfragen und dann in einfache tools umzusetzen.
    Spannende Zeiten, in der Tat.

  2. …Es ist nicht mehr Technik um der Technik willen, sondern es ist Technik, die dem Benutzer das Leben einfacher macht…
    Genau das ist es. Wenn das Netz weiter wachsen will, muss es über all die Technik Freak und Geeks, meine ich nicht negativ, hinausgehen. Dort sind noch die Potenziale. Dort sind aber auch Menschen, deren Job nicht der Computer ist. Der Computer ist dort vielmehr ein manchmal gehasstes Werkzeug.
    Dass es eigentlich schon sehr spät für diese Erkenntnis ist, merkt man an den aufkeimenden Low Tech Gegenbewegungen. Plötzlich lassen die Menschen Computer Computer sein und benutzen wieder Notizbücher wie Moleskin. Weil sich Kreativität eben nicht in Datenstrukturen pressen lässt und kein Tool zuviel Freiraum bietet, wie ein leeres Blatt Papier – Noch nicht.

  3. Witzig, dich so über Englisch schreiben zu sehen, häufig bist du ja eher der Verfechter der deutschen Sprach(versionen) und forderst diese ein. Bzgl. des Aufrufs „Lernt Englisch“ hätte ich da einen Tipp… 😉