Focus online in 2016 – wenn die das ernst meinen, gibt es kein Focus Online 2016 mehr.

Der Ausblick von Tomorrow-Focus-Vorstand Stefan Winners auf Focus Online im Jahre 2016 ist in der Tat etwas schlicht, wie Mario Sixtus in der Dezentrale bemerkt:

Der Mann geht doch tatsächlich davon aus, das Internet werde sich in den nächsten zehn Jahren in eine Art Tummelplatz für Fernsehsender verwandeln. Und er meint wirklich „senden“. So mit „Programm“ und „Zuschauern“ und so. Wie früher. Glotzen. Passiv.

Lieber Herr Winners. Solch ein Medium haben wir bereits. Da wo ich herkomme, sagen wir „Fernsehen“ dazu. Das Netz, also dieses komische Dingens, wo Sie Ihren Text veröffentlicht haben, robbt gerade in eine diametral entgegengesetzte Richtung. Siehe oben. Die Überlegung, ob Bewegtbilder in Zukunft eine größere Rolle im Internet spielen werden, hat mit dieser Evolution übrigens wenig bis gar nichts zu tun: Das Denken in Sender-Maßstäben in Bezug auf das Internet ist ein No-No!

Ich sehe das mit ähnlichem Kopfschütteln. Stefan Winners mag sich vielleicht gedacht haben, daß der normale Online-Nutzer heute nicht in der Lage ist zu verstehen, wo die Reise hingeht – doch hier empfehle ich einmal einen Blick in einen stinknormalen Kurs an der Volkshochschule oder ähnliches, um sich die (laut seiner Vision weiter nur passiven Nutzer) User von heute mal anzusehen.

Die kaufen – nicht nur seit heute – Laptops, damit „dieser Kasten“ nicht das Wohnzimmer verschandelt. Die finden „arbeiten im Garten“ klasse. Jeglicher DSL-Zugang wird mit einer Fritzbox oder ähnliches verkauft – WLan und Voip inklusive. Millionen stürmen mit ihren neuen Ipods iTunes und kaufen wie blöd Musikstücke, die doch angeblich keiner haben will. Digitalkameras erleben einen Boom wie noch nie und mit mehr und mehr Video-geeigneten Kameras wird auch das einen Boom erleben.

All diesen Trends gemeinsam? „discover, create & collaborate – übrigens der Slogan einer Veranstaltung des gleichen Hauses von der TomorowFocus ein nicht unwichtiger Partner ist. Noch mehr? Deutschland ist – wenn wir auch noch beim Bloggen etwas hinterherhinken – Ebay- und Wikipedialand.

Der Rechner steht nicht im Arbeitszimmer, der steht bei Mama auf dem Schoß damit sie die Auktion bekommt. Im Wohnzimmer. Selbst meine durchaus dem Internet abgeneigte Tante hat sich begeistert in das Netzt geworfen und bestellt glücklich ihrer Nichte von deren Wunschliste Dinge.

Das findet _heute_ statt. Das wird in 2006 noch massiv zunehmen. Aber wenn eine Zeitschrift wie Focus in ihrer Onlineversion unter dem Link zu diesem Artikel „diskutieren“ einen Lin k zum Download des MSN Messenger legt, weil man da so toll chatten kann und die Vision für das Jahr 2016 ist, daß die Leser passiv FOCUS TV konsumieren und vielleicht noch mal einen interaktiven Bot auf der Seite benutzen, dann empfehle ich dem Herrn einen tollen Termin. Montag 23/24 Januar, im eigenen Hause in München.

Da kann er sich dann u.a. mit Gabe McIntyre unterhalten der ihm erzählt, wie der Video-Ipod innerhalb kürzester Zeit den Studiengang in dem Gabe lehrt verändert hat (höre mein Interview mit ihm). Vielleicht kann er sich auch mit Charles Schwienk unterhalten (ich habe vergessen, wo genau der bei Nokia sitzt) dessen Oma Strickanleitungen per Video versendet. Oder eine X-beliebige Rezepteseite im Netz. Oder oder oder.

Wie wäre es mit einer Online-Community mit Namen Feierabend, die Gemeinschaft für die älteren Jahrgänge? Ich bin mir sicher, daß man Herrn Winners gerne einen Einblick in die internen Statistiken gibt.

Meine Fresse. Links und rechts gucken gehen. Diese „Vision“ ist schon im Jahre 2006 überholt. Aber das lernen Sie auch noch. Wenn nicht so, dann auf die harte Tour.

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3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *beruhigungskaffee reich* Lass ihm doch seine Vision, das er morgen das passive Konsumvieh wiederbekommt das ihm heute verloren geht.
    Aber vielleicht kannst du ihn auch einfach bei ‚Feierabend‘ anmelden, sein Geist scheint sich ja schon in den Frühruhestand zurückgezogen zu haben. 😉

  2. Das war aber bereits bei letztjährigen DLD der Fall: Hubert Burda & seine leading edge MarCom People sind auf der Höhe der Zeit (manchmal auch etwas voraus, wie vor 10 Jahren mit Uni-Online / EuropeOnline etc.) und die Verlagsleitungen kommen kaum hinterher. Diese Events haben ja auch den Zweck, dass der Verlag (=95 % des Betriebsergebnisses) lernt, sich auf die Zukunft einzustellen. In diesem Jahr waren die Gesichter einiger Printleute sehr sehr ernst, 10 Jahre interner Kampf gegen die ditigale Revolution scheinen sich nicht gelohnt zu haben. Man darf gespannt sein, wie ausgedünnt die Reihen im nächsten Jahr sein werden.