Gibt’s da auch was von Teutsch?

Als Vielleserin von Bücher, Zeitschriften ehemals Newsgroups (heute Blogs) schaue ich seltenst auf den Autor eines Textes. Desöfteren gibt es aber Texte, die mir besonders gefallen und ich zum Schluß auf den Autor blicke und überrascht feststelle „ach sieh an. Der schon wieder!“. Es sind weniger die Theman, eher inhaltliche Aufbereitung und Stil – und das hinzugefügte leichte Lächeln auf meinem Gesicht.

Einer dieser Menschen ist Marcus Hammerschmitt, dessen Texte ich gerne in Telepolis lese: Weil die Überschrift mich anziehen, weil der Kurztext interessant klang und dann, weil der Text interessant ist. Genauer: Wo ich zum Schluß immer entdecke, daß er es ist.In Sprachreiniger widmet er sich dem Getöse um ‚gutes Teutsch‘.

Wie wär’s mit ein wenig Gelassenheit? Bei gelassener Betrachtung könnten auch ein paar Einsichten reifen, so zum Beispiel die, dass eine Annäherung des Deutschen und des Englischen aus verschiedenen Gründen unvermeidlich ist.
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Aber das ist natürlich schwer zu begreifen für nationale Vollholzköpfe, Federfuchser und andere Deutschlehrer, die im Gebrauch des Adjektivs „cool“ eine Bedrohung ihrer Nachtruhe sehen. Es ist dieselbe Haltung, die sich mit einem immensen Furor gegen Fremdwörter richtet; und wie bei dem Kampf der Gartenfreunde gegen Xenophyten, die unsere lieblichen Auen und Fluren verschandeln, ist es eine Haltung der Angst.
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Sprachen sind nicht rein, sie sind auf vielen verschiedenen Ebenen Gemische, und sprachliche Kreativität ist immer auch eine Feier dieses Gemischcharakters. Wo die Bastarde sind, die Fremdeinflüsse, da ist die Bewegung. Da will ich hin. Ich will mit der Beeinflussung des Deutschen durch das Englische spielen, ich will sehen, was für Farben sich ergeben, wenn man diese beiden mischt

Er trifft u.a. deswegen einen Nerv bei mir, weil ich mir gestern auf einer Frauen-Business-Messe von einem älteren Mann anhören mußte, man könne den Namen einer bestimmten Dienstleistung (die ich dort mitpräsentierte) doch wohl auch auf Deutsch ausdrücken. Und wie toll er die Franzosen finden würde, weil die auf ihre Sprache achten würden. Und die angesprochenen Kunden würden das bestimmt auch so sehen.

Wohlgemerkt, es geht um ein Programm für Jugendliche, die in einem Talentworkshop herausfinden sollen, wie ihr weiterer Weg aussehen soll – und zwar bevorzugt Abiturienten. Wenn diese sich auf die gleiche Stufe stellen, zeigen sie damit m.E. vor allem eines: Das sie für die neue Welt nicht bereit sind. Wo werden wir in 5-10 Jahren sein? Ist doch immer wieder die Rede von einer sich ändernden Welt, einer neuen Wirtschaft, neuer Gesellschaft: Wann, wenn nicht jetzt setzen wir uns mit diesen Sprachergänzungen auseinander?

Die Welt dreht sich immer schneller und wenn wir nicht via Atomkrieg zurück in die Steinzeit fallen, wird sich an der weiteren Integration der englischen Sprache in die unserige auch nichts ändern. Es gilt Selbstwertgefühl über unsere Sprache zu haben bzw. zu erarbeiten – nicht zwangsweise das Fremde ausschließen in der Hoffnung, alles bleibe beim alten.

Natürlich gibt es vieles, wo die Verwendung der englischen Sprache bescheuert ist – aber glaubt ernsthaft jemand, daß nur, weil man auf einmal alles in deutscher Sprache bringen würde (btw, wie lang zurück soll das Verwendungsverbot der Anglizismen gehen? 10, 50, 100 Jahre?), sich etwas am schwachsinnigen Inhalt ändern würde? Marketing-blabla funktioniert ebenfalls in deutsch sehr gut …

Wer will „meine Sprache“ verteidigen, wenn die meisten noch nicht einmal ihre Sprache beherrschen, die Kultur und Historie dahinter kennen, geschweige denn zu einer Entwicklung in der Lage sind?

Ich glaube, ich gehe jetzt ein Eis essen. Ich poste heute schon zu viel über dieses Thema, z.B. in de.rec.tv.

Wolfgang Hauser wrote:
>Wo wir gerade bei Sprachfetischismus sind: „Season“ heißt auf Deutsch
>in diesem Kontext „Staffel“.

Season bedeutet „startet im September/Oktober, mit Pausen zu bestimmten Feiertagen und passenden Cliffhängern, passenden Folgen zu der jeweiligen Jahreszeit und reruns“ bzw. gegebenenfalls „Summerseason“ oder wie das Teil heißt und hat definierte Anzahl von Folgen.

Staffel bedeutet in Deutschland „nehme eine Season, zerstückel sie je nach Sendervorliebe, sende sie zu völlig idiotischen (Jahres-)Zeiten und gebe dem Zuschauer irritierende Gefühle, warum auf einmal so eine Spannung aufgebaut wird, wenn es doch nächste Woche weitergeht und höre auch zwischendrin mal auf.“

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

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