„I’m ok“ – Die neue Art, sich und andere zu informieren.

Tage wie der heutige zeigen mir, wie sich die Kommunikation in unserer Gesellschaft gewandelt hat. Als ich gegen Mittag die Nachrichten aus London hörte, weil Kollegen davon sprachen, war die erste Reaktion an die Menschen, die man dort kennt.

Eigentlich sind es eher flüchtige Bekannte – Rachel habe ich in Copenhagen kennengelernt, Max und Lee sind ebenfalls dort gewesen, aber wir haben erst danach einen Kontakt aufgebaut. Typisch Netz: Wir kennen uns nicht wirklich, aber ist man sich doch nahe und ist besorgt.

Erste Reaktion? Die Blogs aufzusuchen und zu sehen, ob eine Nachricht vorhanden ist. Max hatte bereits eine, Rachel und Lee nicht. Mail an alle drei gesandt, mehr mit dem Tenor „hoffe Euch geht es gut, meldet Euch bei der Welt“ gesandt, als eine Antwort zu erhalten. Der Spiegel schreibt harmlos „das U-Bahnnetz wird heruntergefahren“ – wieviel Einwohner hat London doch gleich noch mal? Max schreibt, daß auch die Züge gesperrt sind, wenig später die Nachricht, daß auch die Busse nicht mehr fahren.

Rachel mailt zurück, die Fenster in ihrem Office wirken bedrohlich. Kurze Zeit später, beim Lesen der Blogs stolpere ich über weitere Bekannte, von denen mir gar nicht bewußt war, daß sie in London leben. Lee meldet sich, alle drei updaten ihre Blogs. Bin erleichtert, daß es ihnen gut geht und lese erstaunt bei dreien von den Bekannten, daß sie zufällig heute, gerade heute, einen anderen Weg genommen haben bzw. ein Frühstück eingenommen haben anstatt direkt zur Arbeit zu fahren und der letzte verschlafen hat. Ansonsten wären sie dem ganzen sehr nahe gewesen. Die Handynetze sind offensichtlich ebenfalls runter.

Ein Kollege erzählt, daß der Katastrophenschutz in London sehr trainiert, sehr gut vorbereitet ist; was sicher auch Schilder wie dieses, gedruckt in so kurzer Zeit, erklärt.

Nach dem ersten Checken der Blogs, der nicht so häufig upgedateten Nachrichtenseiten folgt der schnelle Blick rüber zu Flickr, und gegen 14 Uhr der erste Blick auf die Wikipedia-Seite – zu dem Zeitpunkt bereits vier Bildschirmseiten lang. Jetzt um viertel vor 12 sind es 10 Seiten.

Amerika beginnt den Tag, weitere Nachrichten via Blogs treffen ein, Links zu neuen, anderen Blogs, die berichten, das Skype-Blog gibt den Hinweis, seinem Namen den Hinweis hinzuzufügen, ob alles okay sei.

Weitere Bilder auf Flickr von den Unglücksstellen, aus der Ubahn und mehr. Der Bomb-Pool hat knapp 500 Fotos, und eines davon ist kein Foto:

I knocked this up in five seconds in MS Paint because I couldn’t think of a way of reassuring my Flickr contacts quickly except posting something. Hopefully a hell of a lot of other people in London are reassuring their relatives and friends with the same words.

Dieses Bild ist ein sehr prägender Eindruck, genauso wie die Berichte der anderen, die in ihr Blog geschrieben haben, „alles okay, uns geht es gut“.

Natürlich ist nicht alles gut, jeder Tote, jeder Verletzte, ist einer zuviel.

Der interessante Aspekt: Jeder, mit dem ich über den Tag verteilt zu tun hatte, war informiert. Jeder hatte sich die Informationen aus dem Netz zusammengesucht, um eigene ergänzt, weitergelinkt. Blogs, Mails, Google News, Wikipedia, BBC und Spiegel lautete heute meine Reihenfolge – und die beiden letzten nur sehr sporadisch.

Wenn ich drüber nachdenke, wäre für mich heute das schlimmste gewesen, keinen Netzzugang zu haben. Und nicht, weil ich ’süchtig‘ danach bin, sondern weil es eine so natürliche Form der Informationsgewinnung geworden ist, daß man sich eines Sinnes beraubt fühlen würde, wenn dieser auf einmal fehlen würde.

Gerade gestern hatte ich in einem Interview erwähnt, daß Dinge, die woanders passieren, auch mich betreffen, denn die Welt wird kleiner, die Auswirkungen sind globaler. Ich muß ein Interesse daran haben, über die kleingeistigen Ränder meiner Stadt, meines Landes hinauszublicken, denn was in der Welt vor sich geht, betrifft mich.

Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, aber es berührt mich seltsam, daß in einem solchen Moment meine Gedanken zu Menschen gehen, die man ‚eigentlich‘ nicht kennt. Und es sich absolut normal anfühlt. Das ein „I’m ok“-Bild eines Unbekannten ein Gefühl von Sicherheit gibt, daß im Falle eines Falles einen schnellen Weg gibt, die Welt wissen zu lassen, daß es einem gut geht.

Denn der Teil der Welt, den es interessiert, ist vielleicht größer, als man selber im ersten Moment annimmt.

Gerade reingekommen, Rachels Kommentar über den Tag:

Now, I’m watching the news, with 37 confirmed dead, over 700 injured. Knowing there’s likely to be more fatalities as there are seriously injured people in hospital. Wondering how the hell only 2 people are confirmed dead in that bus, that looked like it had been peeled open. Thinking about all those people whose lives have utterly changed today.

Yesterday we celebrated; today, London mourns.

(es gibt keinen vernünftigen Weg, einen solchen Artikel zu beenden.)

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Auch ich habe mich der Flickr-Bilder bedient. Man sollte bei aler Liebe für die Blogs doch bitte daran denken, dass auch Blogger die Nachricht aus den Medien haben: TV, Radio, Online-Ausgaben der Zeitungen. Daszeigen auch die Screenshots im Flickr-Pool. Der Vorteil der Blogs: Sie geben uns persönliche Eindrücke. Und: Immerhin darf man jetzt darüber schreiben – beim Tsunami war das noch Sensationslust. Things are changing!

  2. Ich streite nicht ab, daß dieses für viele Blogger Nachrichtenquellen gewesen sein mögen.
    Die meisten, die ich gelesen habe, haben nur sekundär über Informationen aus Nachrichten geschrieben und primär über sich, ihre Freunde, Mails, IM etc. Informationen aus Nachrichtenquellen wurden nicht blind wiedergegeben, sondern kommentiert, bewertet, weiterverarbeitet.
    Zum Beispiel hat André aus Portugal in „News homepages layouts on the London bombings“ (http://blog.delaranja.com/?p=360) sich der Nachrichtenquellen ‚bedient‘ – aber nicht als einfache Weiterleitung der Information, sondern als Beschäftigung damit.
    Bei aller Liebe für die klassischen Medien: Die Rolle als die einzig gültige, seriöse, wertvolle Nachrichtenquelle haben sie abgegeben und laufen in ihrer Aktualität und Vielfalt den Informationen aus dem Netz hinterher.
    Wer sich die Flickr-Bilder ansieht, kann auch genau das sehen. Ja, es sind Screenshots der Zeitungen, ja es sind Bilder der TV-Bilder; aber zu einem geringen Teil. Das meiste sind eigene Fotos.

  3. Nein. Ein Telefonat wäre unangebracht gewesen, unangemessen vertraulich.
    Ausserdem, sehr ineffizient unter den gegebenen Umständen.

  4. Warum ist Sprache humanoider als Schrift? Ist es nicht gerade das was uns ausmacht „To aspire. To be better then You are“

  5. Toni Blair hat wie seinerzeit Jose-Maria Asnar gegen Batasuna die Entscheidung getroffen : Eine Milliarde
    Muslime sind die Feinde des englischen Protektorats.