Menschen lernen nichts dazu – und das ist gut so.

Raphael Haase in „Die Qualität des Netzwerkes„:

Was ich so faszinierend finde, ist, dass genau diese Entwicklung von Web 2.0 mit fast jeder neuen Technologie auch auftritt. Zuerst beginnt alles einfach, dann kommen langsam die Formalisierungen und das Universum zu der Technologie konsolidiert sich auf wenige Technologien, das geht eine Zeit lang gut und dann geht es vielen Menschen auf die Nerven. Dann werden die Strukturen wieder in Stücke gerissen, laut „back to roots gerufen und man konzentriert sich wieder auf weniger, einfachere Strukturen. Wie bei Zen. Das vermittelt den Eindruck, dass die Menschen nie so wirklich dazu lernen würden. Warum ist das so?

Aus dem gleichen Grund, warum ein Fisch wieder zurück ins Wasser will und sich kein Stück dafür interessiert, dass jemand meint, er würde sich auf zwei Beinen doch viel besser machen? Zugegeben, für uns ist dieser Schritt weniger lebensbedrohlich.

Menschen werden immer ‚zurück ins Kollektiv‘ wollen, wollen sich mit anderen Menschen austauschen, mit ihnen reden oder auch nur ihre Gegenwart spüren. Und während in der realen Welt da draußen lauter nicht kompatible Leute rumlaufen, erlaubt uns das Netz genau diejenigen zu finden, mit denen wir kompatibel sind.

Twitter ist nur ein Beispiel. Es ist nicht beliebt weil es Nachrichten in Echtzeit austauschen kann, das können auch viele andere Systeme. Es ist beliebt, weil es eine ganz bestimmte Kombination diese Bestandteile anbietet und ich dort Menschen treffen kann und mich mit ihnen unterhalten kann. Flickr ist nicht aufgrund der Fotos so beliebt, sondern wegen der Community. Second Life ist nicht beliebt weil man dort sich selber eine eigene Welt bauen kann, sondern weil man dort Menschen treffen kann. Und sich unterhalten kann.

In den über 20 Jahren in denen ich mich jetzt in Netz und Chat rumtreibe gibt es eine konstante Entwicklung: Menschen wollen miteinander reden, wollen sich austauschen, wollen den Kontakt fühlen. In Echtzeit, und nicht nur asynchron. Das abzuschalten (von Ralph als „nur Chat“ bezeichnet) wird genauso gut funktionieren wie den Fisch an Land zu bringen. Nämlich gar nicht. Jeder muß für sich selber entscheiden, ob und wie er solche Medien nutzen will. Nur so funktioniert es. Es gibt allgemeingültige Lösung. Es gibt nur meine Meinung, meine Vorgehensweise. Und diese funktioniert ausschließlich für mich. Jemand anderes kann sich diese anschauen und ein paar Elemente entnehmen und umgekehrt. Und aus diesem Wechselspiel kann etwas neues Entstehen.

Nähern wir uns der Frage mal von einer anderen Perspektive. Aus meiner Erfahrung gibt es Netzteilnehmer die den schnell durchlaufenden Strom von Nachrichten nicht verkraften. Es macht sie unruhig, und sie versuchen ALLES (aber auch wirklich alles) mitzulesen, zu verstehen, nachzuschauen. Das funktioniert nur bis zu einer bestimmten Grenze an Informationen. Diese Grenze ist besonders niedrig bei diesen Menschen – dafür sind sie besonders gut darin sich an etwas zu erinnern, wiederzufinden. Sie können lernen mehr Informationen aufzunehmen, mehr und schneller Informationen zu verarbeiten – aber das sind technische Fortschritte und es läuft gegen ihr Naturell.

Das andere Extrem sind Menschen die eher den Fluß beobachten und in Ausschnitten teilnehmen, die für die gleiche Anzahl von Informationen eine Bruchteil der Zeit der obigen Gruppe benötigen. Sie fischen oder filtern, aber sie nehmen nicht alles mit. Im Gegensatz zur ersten Gruppe haben sie es schwerer Informationen zu behalten. Sie können lernen mehr Informationen zu behalten – aber das sind technische Fortschritte und es läuft gegen ihr Naturell.

Um auf Raphael zurückzukommen: Die zweite Gruppe hat kein Problem mit der Chat-Funktion, die erste Gruppe hat schon Probleme mit „guten Informationen“. Was soll dann der Lernfortschritt sein? Es kann nur ein individueller Schritt sein.

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

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