Natascha oder „Nimm es wie ein Mann“?

Man erkennt die Weiterentwicklung des Mediums Netz durch Blogs auch daran, wie schnell in diesem Medium die üblichen Prozesse ablaufen, die man aus Usenet, Irc, Mailinglisten kennt. Don über die ‚ich bin nicht diese Frau‘-Geschichte

Die spannende Geschichte für mich war in den letzten Tagen, hinter welchem Blogger welche Einstellung steckt, welches Bild von mir. Das hat sich aber dank der massenhaften Anfragen an mich geklärt. Ich hab mich nicht immer gefreut.

So ein Prozedere des gegenseitigen Verdächtigens, Anmachens, Verpetzen etc. hatte sich doch schon vor ein paar Wochen verschiedentlich angedeutet. *seufz* ich kenne diese Spielchen lange genug. Gibt es denn nicht genug Sandkästen für alle? Ich bedaure, daß es hier so schnell geht. Diesen Zeitraffer wollte ich nicht haben.

Aber woran macht man fest, daß jemand als andere Identität schreibt?
Der Schmuddelblogger:

Im Nachhinein lassen sich natürlich viele Auffälligkeiten finden. Beider, Dons und Annes, Vorliebe für seltsame Imperfektformen beispielsweise (frug, schrub), aber ich bin zu keinem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, dass da etwas nicht stimmen konnte.

Ähm – wer sich in ähnlichen Kreisen herumtreibt, nimmt die Sprachgewohnheiten der anderen an. Mir fallen spontan zwei Frauen meines Stammchannels ein – wenn man uns beim Chatten beobachten würde, dann würde man uns erstens für bekloppt halten und zweitens ob unserer gemeinschaftlich benutzten Wortkreationen absprechen, daß wir je ein Abitur bestanden haben können. Deutsch ist immer noch Prüfungsfach.

Ich lese belle de jour nicht bewußt. Ich habe den Feed, aber anscheinend sind die Überschriften nicht ausreichend, um auf die Seiten zu springen. Auf dem Schmuddelblog bin ich schon häufiger gelandet, müssen bessere Überschriften sein. Und die Tatsache, daß ich den Stil geschmeidiger, interessanter geschrieben empfinde.

Die Aufregung lohnt der Aufmerksamkeit nicht? Doch. Etwas fehlt mir nämlich bei all den Kommentaren, der Schmuddelblogger formuliert auch hier sehr nett:

Ist doch heftig, wenn du ein paar Monate lang durch die Blogosphäre schwirrst, eines entdeckst, das wirklich besonders ist, teilnimmst an einem fremden Leben – und dann wars bloß ein Experiment in gender switching.

Herzchen, nicht gender switching ist das Thema. Käme ein Kerl auf einmal als Frau daher – die Kommentare wären hämisch bis vielleicht schulterklopfend über die gute Darstellung. [Sein Blog halte ich btw. eher für zu gut gemacht für einen Kerl. Aber als naive Träumerin erlaube ich mir dem Gedanken nachzuhängen, es könnte mehr von solcher Art des Denkens, Schreibens, Artikulierens da draussen geben.]

Eine Frau als Kerl – kein Problem. Aber – eine Frau entpuppt sich als Mann? ‚So‘ eine Frau? Die doch über *flüster* SEX geschrieben hat? Und vielleicht ein wenig für Anregung gesorgt hat? Die soll auf einmal – nein, das darf nicht sein! Man hat es sogar sexy gefunden und – igitt!! pfui! Wo ist die Seife zum Mundauswaschen?

Nicht? Ich täusche mich? Ich übertreibe? Blenden wir zurück ins Jahr 1998. Frauen verirren sich nur selten vor blinkende Kisten und dieses Medium, was sich Usenet nennt. Jungs weitaus mehr.

Auf einmal durchstreifen dutzende Suchende öffentlich das Usenet (und ungezählte mehr im Heimlichen) nach T-Onliner, auf daß sie ihrer Nati, ihrer Natascha eine Nachricht in die Box *rom# geben können. Der Atem ging schneller, die Herzen klopften heftig. Nicht das Original, sonderns wahllos gegoogelt: Teil I und der Nachburner.

Und dann der Schock, die Empörung, das Aufheulen, als aus Natascha die Psychologie-Studentin Susanne wurde. Die kommerzielle Interessen verfolgte und als Oberfrechheit sich noch nicht mal entschuldigte.

Ich moechte mich nicht bei euch entschuldigen, nein, ich denke, dass ich zumindest fuer wenige Momente jedem von euch, und leider (?) auch versehentlicherweise zahlreichen Userinnen, einige Momente des Nachdenkens, des Traeumens und der zaertlichen Poesie gegeben habe. Vielleicht habe ich es auch, wenn auch nur fuer Sekundenbruchteile, erreicht, dass die Begriffe Sehnsucht und das Gefuehl der geistigen Uebereinstimmung latent und neu erschaffen, voruebergehend vorhanden waren. […]

Das heisst im Klartext, dass ich fuer diesen Entwurf all meine Traeume, meine Sehnsuechte und meine Wunschgedanken einfliessen liess, und jeder von euch hatte das Gefuehl in seiner Sehnsucht genau und praegnant getroffen zu sein, was letztendlich dazu fuehrte, dass die Eitelkeit der meisten ein temporaeres Hoch erlebte.

Mir war nicht bewusst, dass die Tragweite dieser Sehnsucht, die letztendlich in jedem von uns schlummert, solche Kreise ziehen wuerde.

Werft sie dem Feuer vor, sie hat mit den Herzen gespielt und uns an der Nase herumgeführt! Anscheinend steht das noch immer unter Schwerst-Strafe; inzwischen genügt der Verdacht auf selbiges, um die Stormfront losbrechen zu lassen.

Um Jim zu zitieren: Jeder fasse sich an seine Nase.
Und überlegt sich einmal ganz genau, *worüber* man meint, empört zu sein.

Und dann nehmt es endlich wie eine Frau.

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

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