Angie verfallen oder nicht - Seele verkaufen, einfach gemacht
Geschrieben von Nicole Simon · 22.06.2006 · echo trackbackCount(1336); ?> · Kommentare (7)Herr Spreeblick überlegte für einen Moment, seine Seele seinem Teufel zu verkaufen:
Einige Tage lang haben wir jetzt darüber nachgedacht, ob wir uns an der Ausschreibung zur Produktion des Video-Podcasts der Bundeskanzlerin beteiligen sollten.Vielleicht. Und antwortet auf meinen Kommentar, daß mir ein Podcast einer Kanzlerin lieber ist als keiner, weil es etwas in Gang setzt:
[...]
Tagelang haben wir geredet, gelacht, geplant, überlegt. Und uns dann gefragt:
Spinnen wir eigentlich?
Nicole, wie oben schon erwähnt: Grundsätzlich gutes Projekt. Aber wo genau siehst du den Unterschied zu Erklärungen gegenüber der Presse oder einer TV-Ansprache? Und "jedem Zugang ermöglichen"? Hallo? Wieviele Podcast-Hörer gibt es? Und wieviele TV- und Radio-Hörer? Ein paar Milliönchen mehr, würde ich sagen.Es mag sein, daß ein Millionenpublikum TV und Radio nutzt - ich jedenfalls habe in den letzten 2 Wochen dank Fußball mehr TV geschaut als das gesamte letzte Jahr. Nein, kein Scherz.
Es geht doch nur um eine Image-Geschichte, an den Inhalten, der Ansprache und der Vortragsweise hat sich überhaupt nichts geändert. Hier und da ein Stichwort ("E-Mails", "Podcast") - die digitale Kultur scheint ein wichtiger Faktor zu werden - und ansonsten kein Unterschied zu dem, was die Presse bekommt. Oder habe ich etwas verpasst?
Und ja, Du hast was verpaßt. "Wir" bekommen es direkt - so wir denn wollen oder es uns überhaupt interessiert. Nicht das, was nach Wunsch des Senders geschnitten zu einer Zeit in Radio / TV läuft wenn ich nicht da bin oder was die Zeitung, die ich nicht besitze, meint durchzulassen. Nicht die Zusammenfassung, die überall ähnlich mit leichten Nuancen Abweichung in den Online-Magazinen steht.
Sondern direkt, was denen = ihr in den Sinn gekommen ist. Ebenfalls setzt es ein Zeichen. "Sogar die Bundeskanzlerin tut es." In Englisch und Deutsch als Text dazu, mit Feeds. Zum Anfang passend zur WM, so daß es Aufmerksamkeit erzeugt, und mehr als nur trockene Politik ist.
Ich war zum ersten Mal auf der Seite der Bundeskanzlerin und muß sagen, ich war angenehm überrascht über das dortige Angebot. Das hätte ich schlimmer erwartet. Wohlgemerkt: Ich rede nicht über die Inhalte. Sondern über den Aufbau und die Module die dort zu sehen sind.
Und ich bin mir sicher, daß ein Videopodcast der Kanzlerin diverse Herrschaften aufgeschreckt hat. Die sich dann damit auseinander setzen müssen, daß die Musik die sie sich vorgestellt haben, für ihren Podcast nicht lizensierbar ist. Das sie nicht Wogen der Begeisterung für alles bekommen, was sie verteilen, wie sie es wahrscheinlich von der Presse gewohnt sind. Weil sie sich auf einmal damit auseinandersetzen müssen, daß das Volk schon lange miteinander redet und nicht brav wie ein Schaf allem folgt was die Politiker von sich geben.
2008 ist Europawahl - und ich bin mir sicher, wir werden einen Haufen Projekte sehen, die die neuen Medien nutzen werden. Oder auch nicht. Ausreden gibt es jedenfalls jetzt keine mehr, es nicht zu wollen, wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin in der Lage ist, sowas zu produzieren ...
(btw: Wenn Ihr Eure Seele schon nicht an Angie verkaufen wollt, hätte ich jedoch von einem Geschäftsmann erwartet, daß er die logische Schlußfolgerung zieht und der favorisierten Politik anbietet, bei der neuen Technologie zu helfen. Es ist ja nicht so, daß es dort keinen Bedarf gäbe.)
Technorati Tags: angela merkel, bundeskanzlerin, politik
Dieser Artikel wurde geschrieben: 22.06.2006 - 14:21.
- Entschuldige bitte, aber das klingt alles etwas naiv für mich... du kannst wählen, wann du es sehen willst. Ok. Aber du bekommst etwas "direkt"? Nein, du bekommst einen von Regierungsprofis erstellten Text ohne redaktionelle Hinterfragung einer unabhängigen Stelle. Du bekommst genau das, was die Regierung dich wissen lassen möchte. Nicht mehr.
Das ist nicht schlimm, aber nichts anderes sollte man erwarten. Oder glaubst du wirklich, Frau Merkel würde das selbst schreiben und allein entscheiden, was sie dort von sich gibt?
johnny 22.06.2006 - 14:54 - Frau Simon:
2009 ist Europawahl.
"wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin in der Lage ist, sowas zu produzieren ..."
Wo leben Sie? Das hört sich an, als wenn sie es selber aufgenommen und geschnitten hat. Glauben Sie wirklich, Frau Merkel wüsste, was ein podcast ist? Es langt, wenn die Berater sagen: Tut nicht weh, dauert nur ein paar Minuten und ist gut für das Image.
Jetzt mal Butter bei die Fische: Welche Herrschaften werden denn aufgeschreckt? Von wem sollen denn die kritischen Fragen kommen? Seit wann ist die Presse gleichgeschaltet und surft auf der Woge der Begeisterung?
Was sind denn die Konsequenzen? Auf den Punkt und nicht nur: "Jetzt müssen irgendwelche was machen".
Alles nur bla bla und noch nicht mal bullshit bingo.
Tim 22.06.2006 - 15:51 - "2008 ist Europawahl - und ich bin mir sicher, wir werden einen Haufen Projekte sehen, die die neuen Medien nutzen werden."
Mal davon abgesehen, dass die Europawahl 2009 ist, habe ich schon 2005 bei der Bundestagwahl einen Haufen Projekte und Parteien gesehen, die munter Blogs schrieben und Podcasts produziert haben.
Kai 22.06.2006 - 18:45 - Noch mal Butter bei die Fische:
"ein Haufen Projekte". Bla bla. Mal eine Idee, was Sie besonders interessant fänden?
Tim 22.06.2006 - 18:58 - Johnny: Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn dieses Argument gebracht wird "ohne kritische Hinterfragung". Denn Du implizierst damit, daß ich nicht in der Lage bin dieses zu tun. Warum eigentlich? Warum eigentlich traust Du mir und anderen nicht zu, diese Dinger anzusehen und zu hören und dann für mich selber zu entscheiden, ob ich da gerade Bullshit serviert bekomme oder nicht?
Ist jeder in Deiner Umgebung, der nicht Du selber bist oder Mitglieder der von Dir genehmigten "kritischen Hinterfrager" ein Idiot? Und: Was läßt Dich glauben, daß nur wenn jemand etwas hinterfragt und dann meinetwegen in Zeitung X druckt oder Radio / Fernsehen Y kommentiert, besagte Idioten das auf einmal aufnehmen?
Und wieso werde ich das Gefühl nicht los, daß wenn es nicht die Dir nicht genehme politische Richtung wäre, Du diese neue Mediennutzung superklasse finden würdest, innovativ und alles?
Und in dem Falle selbstverständlich die einzelne Person, die dann Kanzler wäre, alles selber initiiert hätte und nicht wäre nicht jemandes Marionette wie Du jetzt hier der Bundeskanzlerin unterstellst? Im anderen Falle würden sich die Berichterstattungen überschlagen über dieses und vielleicht am Rande würde man die guten Medienberater erwähnen.
Die Frau ist Physikerin, hat genügend andere machtgeile Männer überstanden - ich muß sie nicht mögen um zu sehen, das sie ganz klar keine Marionette von irgendjemandem ist. *Der* wäre nämlich heute Bundeskanzler.
Das alles beiseite hat es Euch trotzdem Tage gekostet darauf zu kommen, für den Feind nicht arbeiten zu wollen. Bei so klaren Linien hätte das schon vorher kommen können. Euch wird dann aber schon aufgegangen sein, daß Ihr, wenn
Ihr hinterrücks was ausplaudert, Ihr Euch geschäftlich als nicht vertrauenswürdig erweist. Im Gegensatz zu Dir halte ich meine Umgebung nicht komplett für grenzdebil.
Ja das ist ironisch gemeint, und nein, ich glaube nicht, daß Du Deine Umgebung für grenzdebil hältst, bzw all diejenigen, die nicht Deiner Meinung sind. Trotzdem finde ich diese Idiologie des "aber das hinterfragt ja keiner!!" einseitig und nicht zum Ziel führend.
5 Millionen Leser (welches alle intelligenten Politiker ebenfalls lesen) oder was immer inzwischen die Rate der Bildzeitung ist lesen eben kein Bildblog - so kritisch hinterfragend das auch sein mag, so viele Fehler das auch noch aufdeckt. Sie tun es nicht, Punkt. Und wenn man es ihnen zwangsweise vorsetzt, werden sie es erst recht nicht lesen.
Geh' Du weiter davon träumen, daß sie es tun würden wenn man es nur hart genug versuchen würde; und in der Zwischenzeit erreicht Angie genau das, was sie will: Vermitteln ihrer Botschaft in der Form wie sie sie will. :)
Tim: Beeindruckend. Mein Feed ist kaputt und trotzdem braucht man nur 1,5 Stunden nach Veröffentlichung des Postings um hier aufzuschlagen. Du mußt wenig zu tun haben, Dich mit jemandem zu beschäftigen, der ja nach Deiner Angabe unfähig ist.
Kai: Das war ein bisschen spielen, aber noch nicht richtige komplett einheitliche abgstimmte Nutzung bis hinunter in die kleinste Ebene. Ja, eine Handvoll von Projekten gab es dort, aber das Gros der Aktivitäten konzentriert sich immer noch auf die klassischen Wege - und ist sehr stark im typischen Parteiton gehalten. Das übrigens bei allen Parteien.
Das gilt natürlich auch umgekehrt - die von Johnny so gerne gewünschte kritische Hinterfragung findet in der Blog- und Podcastwelt wenig bis gar nicht statt - eine objektive jedenfalls. Parteipolitisch eingefärbte gibt es eine Menge.
Nicole 23.06.2006 - 10:23 - Na, was wollen "wir" denn?
Wollen wir wirklich die "komplett einheitliche abgstimmte Nutzung bis hinunter in die kleinste Ebene" und somit die hierarchisch geordnete Nutzung von Medien? Oder ist es nicht eher charmant, wenn verschiedene Gliederungen der Parteien (Parteivorstand, Landesverbände, Fraktionen, Arbeitsgemeinschaften) und Einzelkandidaten ihre eigenen Wege gehen und Dinge einfach mal ausprobieren? Ich bevorzuge letzteres, weil es mehr Freiheiten ermöglicht und meines Erachtens kreativer ist. Da kann es das Blog von Brigitte Zypries genauso geben wie den Podcast der Bundes-SPD, die beide nebeneinander existieren. Ich finde es wichtiger, dass diese Dinge auch außerhalb von Wahlkämpfen zum normalen Kommunikationsrepertoire gehören. Nachdem Joschka Fischer heute einen iPod geschenkt bekommen hat, bin ich da frohen Mutes :)
Kai 28.06.2006 - 03:00 - Da hat endlich mal jemand ein wahres Wort gesagt:
Die Frau ist Physikerin, hat genügend andere machtgeile Männer überstanden - ich muß sie nicht mögen um zu sehen, das sie ganz klar keine Marionette von irgendjemandem ist. *Der* wäre nämlich heute Bundeskanzler.
Das wird nämlich bei dem stetigen Angie-Bashing ganz ungalant unterschlagen. Vielleicht muß man alle diese Eigenschaften haben um sich in diesem emotionsfeindlichen Dschungel durchzusetzen. Nach Inhalt und Leistung wird man jedenfalls nicht beurteilt und gefördert.
Klaus 01.07.2006 - 13:15
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