Politisch geweckt wenn Grundregeln bedroht werden

Ich habe heute einen Fragebogen beantwortet, in dem unter anderem nach Entwicklungen im Netz gefragt wurde. Als ich auf der Faz den Artikel über die langsam politisch werdenden „Nerds“ gelesen habe, fühlte ich mich an die Frage „Wer hat den größten Schaden angerichtet?“ erinnert.

Was war für Sie der größte Durchbruch in der Informationstechnik?
Das Internet, weil es die Gesellschaft verändert. Noch nicht so sichtbar für viele, aber es sind Umwälzungen wie wir sie seit der industriellen Revolution nicht mehr gesehen haben.
[…]
Was war die größte Fehlentwicklung?
Die Annahme der Wirtschaft, dass Menschen mehr oder minder dumme Empfänger bleiben würden. Die Büchse der Pandora ist auf.

Wer ist Ihr größtes Vorbild in der Online-Branche?
Menschen, die es immer wieder schaffen, einen Mehrwehrt zu bieten und sich und die anderen weiterzubringen – auf allen Ebenen.

Wer hat den größten Schaden angerichtet?
Deutsche Politiker. Ich bin ernsthaft fassungslos über die weitreichende Unwissenheit und daraus entstehenden Fehleinschätzungen.

Faz über „Der Nerd als politisches Tier„:

Ihrem Wesen nach sind Nerds individualistisch. Aber sie sind Individualisten, die dank der digitalen Technologie die größte Vernetzungsstufe der Menschheitsgeschichte möglich gemacht haben: Vernetzung einzelner Subjekte, die ihren Charakter und ihre Individualität bewahren können, nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden, nicht nach ihrem Geschlecht, nicht nach ihrem Diplomatenkoffer oder ihrer Jute-Tasche. Die Organisation ist so geschlechtsneutral, wie es das Internet ist. Das erklärt, wieso sie politisch geweckt wurden, als die Grundregeln bedroht zu sein schienen. Und das macht sie wichtig und notwendig.

Über die „Piraten“ lässt sich Endgültiges noch nicht sagen. Die Partei betrachtet die modernen Technologien als ein Instrument der Emanzipation. Ihr harter Kern ist nerdig, doch Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende und ein Intellektueller von Format, zeigt bereits den Übergang: die Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier. Würden die Nerds jetzt oder bald ein politisches Mandat erringen, wäre das, nachdem sie die Kommunikation der Gesellschaft revolutioniert haben, ihr erster Triumph nicht mehr nur in der Welt der Legosteine, sondern in der Welt von Zement und Mörtel. Vielleicht würden die wahren Nerds im Lauf der Zeit und bei größerem Erfolg immer weniger, so wie sich in den achtziger Jahren die bärtetragenden strickenden Männer bei den Grünen keinen Außenminister Joschka Fischer haben vorstellen können. Aber zu glauben, es handele sich um das Partikularinteresse einer partikularen Öffentlichkeit, wäre ein großer Fehler.

Wie viele andere in meiner Umgebung (online und offline) diskutieren wir ob man die Piratenpartei wählen will oder nicht – ich habe in diesem Umfeld noch nie erlebt, daß eine solche Diskussion in dieser Intensität stattfindet.

Bei der Diskussion muß man davon ausgehen daß wenn man den Piraten seine Stimme gibt, ist eigentlich eine verschenkte Stimme, denn die 5% Hürde werden sie kaum knacken. Das Parteiprogramm ist klein in Umfang und Reichweite, auch das ist klar. Doch irgendwo muß man anfangen. Üblicherweise wähle ich ‚optimiert‘, dh so daß meine Stimme auch bei der Direktwahl was zählt, doch dieses Mal werde ich schauen, wo ich die Piraten wählen kann und es tun.

Nicht weil ich 100% damit übereinstimme oder glaube das sollte ein Pirat in den Bundestag gesetzt werden er oder sie auf einmal voll wirtschaftskompetent (oder ein anderes Thema) ist. Es ist eine klare Protestwahl, eine Protestwahl mit Ansage. Jeder Politiker sollte sich darüber im klaren sein, daß jede einzelne Stimme für die Piraten eine Stimme aus einer ganz bestimmten Demographie ist: Intelligent, gebildet, auf der Schwelle, mit eigener Reichweite. Leute, die bisher politisch uninteressiert waren, die jetzt aber die Schnauze voll haben. Nicht schlichtes, einfach manipulierbares Volk von rechts oder links.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muß jetzt los und etwas tun, was ich auch noch niemals in meinem Leben getan habe: Andere überzeugen.

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wie soll eine Partei eigentlich über 5% kommen, wenn jeder sagt: Die wähle ich nicht, die schaffen die Hürde sowieso nicht?
    Sowas höre ich dauernd in meinem Umfeld.

  2. Sicher. Die Aussichten bei Parteien sind aber unterschiedlich. Und man kann Dinge abschätzen – die lila Kochfraktion wird niemals über 5% kommen, bei den Piraten ist es eher eine Frage von wann.
    Statt die Piraten zu wählen, kann man auch eine große Partei wählen, dort hat die eigene Stimme dann mehr Gewicht. Deswegen sage ich bewußt: Ich weiß das die Chancen groß sind, das es unter die 5% Hürde geht. Und ich wähle sie trotzdem. Und beginne andere zu überzeugen.

  3. Hierzulande (Hochtaunuskreis) kann man sie nur als Zweitstimme wählen und das habe ich auch schon (Briefwahl), in sofern sehe ich da kein Problem.

  4. Deine Stimme hat genau gleich viel Gewicht, egal wem Du sie gibst. Selbst wenn die Piraten bei allen vergangenen Wahlen unter 5% gelandet sind, so hat sich zumindest ein für jedermann erkennbarer Trend abgezeichnet. Wenn am Sonntag ein gigantisches Ergebnis von 4,9% herauskäme, wären die 5% zwar verpaßt, aber niemand könnte die Piratenpartei mehr als Randgruppenphänomen abtun.

  5. Interessante Thematik. Die Frage ist ja ob man bei Beitritt einer Partei seine eigenen Anliegen zumindest zur Diskussion stellen kann. Derzeit scheint es bei den großen Partein nicht der Fall zu sein. Anders war es bei den Grünen Anfang der 80ziger, hier war ich gerne Mitglied, vielleicht kommt so etwas ja wieder.