„professioneller Journalismus“? Ich bin eine ordentliche Bloggerin.

Korrigiert mich jetzt bitte, wenn ich es falsch verstehen:

Ordentlicher professioneller Journalismus schreibt nicht „ich habe bei Melody just gelesen, daß die Berlescon-Studie in einem Nachartikel auf IT-Frontal diesen Blödsinn verzapft hat“:

Interessant ist, auf der Basis welcher Quellen und Informationen die Blogger über die Studie geschrieben haben. Viele Blogger haben sich in ihrem Kommentar ausschließlich auf Berichte Dritter bezogen, obwohl die Primärquellen (z.B. unsere Pressemitteilung und Studienbeschreibung) direkt über das Internet zugänglich sind. Damit scheinen Blogger sich sehr viel eher mit Sekundärquellen zufriedenzugeben als professionelle Journalisten (es sollten).

sondern ich muß schreiben „Thorsten Wichmann von Berlecon stellt fest, daß“ und soll dann auf die tolle Studie direkt linken und am besten das „gelesen bei Melody“ wegfallen lassen?

Und soll die dabei für Blogleser viel wichtigere Information „ich lese Melody, ich stimme zu, ich finde diesen Artikelinhalt interessant genug darüber zu schreiben und tue dies per Kommentar oder per eigenem Artikel wie hier mit Trackback“ und das dadurch aufgebaute Netz von Information bzw. Selektion derselben ignorieren?

„Kunden die dieses Blog lesen, interessieren sich wahrscheinlich auch für dieses Thema …“ gegenüber „da ist eine ansatzweise interessante Meldung und ich bin ein toller Journalist weil ich drüber schreibe und auf die *gasp* Originalquelle verweise“ scheint der Herr Untersucher nicht so ganz zu verstehen. (Oder ist er etwa muksch darüber, wie weit die tolle Studie verbreitet wurde, aber die Leute darauf verlinkt, haben wo sie es gelesen haben und nicht alle auf seine Seite?)

Mir war noch nie so deutlich klar, welchen Unterschied es wirklich zwischen Journalisten und Bloggern gibt. Mir war aber schon länger klar, daß „ordentliches wissenschaftliches Arbeiten damit man sich einen dabei herunterholen kann, weil man mehr Fußnoten auf einer Seite mit Quellenangaben hat als Text geschweige denn Inhalt“ absolut nicht meine Welt ist. Denn es unterstellt, daß ich zu dumm bin, Texte zu lesen und zu analysieren. Ich muß mir noch nicht einmal Gedanken machen bei einem ‚ordentlichen‘ Text – alle Fremdgedanken sind doch entsprechend gekennzeichnet, oder?

Und was bitte heißt heute schon Primärquellen von Pressemitteilungen? Man schaue sich doch mal Dienste wie Google-News an und filtere mal dpa und ap aus, was dann noch übrig bleibt. Ich behaupte, daß es mittels Blogs inzwischen mehr Meinungsbildung bzw. -wahrnehmung gibt als durch die 20te Wiederholung in einer Zeitung.

Ich habe seit Jahren keine Zeitung, ich habe das Netz. Und seit einem guten Jahr habe ich auch noch Blogs. Ich bin eindeutig besser informiert als damals, als ich noch ‚ordentlichen Journalismus‘ las. Primärquellengeschulter? Nein. Aber vielfältiger, abwechslungsreicher, wahrnehmungsschärfender.

Und wenn es Fälle geben mag, wo Quellenangaben sinnvoll und absolut wichtig sind, so sind sie in Bloggerland nicht. Wichtig sind a) Links und b) die Kommunikation darauf. Bloggerland lebt von der Vernetzung, vom Austausch. Fischende Informationsnetze, meine Agenten da draußen, die für mich interessante Themen ausbuddeln. Nur für mich – und gleichzeitig für wenige bis viele andere.

Das Korrektiv, was sich wie eine Meute über einen stürzen kann, wenn man Blödsinn geschrieben hat. Weil wir die Quellen angegeben haben? Nein, weil wir verlinkt haben. Jemand schreibt absoluten Schwachsinn, entblödet sich als eingeschränkt, als rassistisch, als x als y als z? Perfekt. Das fließt ab sofort in meine Wahrnehmung dieser Person und der Aussagen mit ein.

b) Kommentar- und ev. Trackbackfunktionen, bilden sie doch ein Regulativ, wie auch Herr Wichmann (widerwillig?) feststellt:

Schließlich ist noch interessant, wie Diskussionen zum Thema der Studie in Weblogs abgelaufen sind. Denn Weblogs bieten ja die Möglichkeit, Kommentare zu den eigenen Einträgen zuzulassen und so eine Diskussion zu starten. Eine wie auch immer geartete Zensur findet dabei meistens nicht statt. Außerdem schreiben Blogger wie auch Kommentatoren ihre Meinung meist recht unverblümt. So auch in diesem Fall.

Interessant ist dabei, dass völlig unfundierte Äußerungen meist schnell kritisiert wurden und die Gruppe der Weblog-Leser eine Art Korrektiv zu allzu extremen Äußerungen in Weblogs ist. Die Leser übernehmen also quasi einen Teil der Aufgaben des Chefredakteurs. Teilweise sind solche Diskussionsverläufe auch interessanter zu lesen als ein von vornherein ausgewogener Artikel.

„Teilweise … interessanter“ – oh wie schwer muß das gefallen sein. Und wie können eigentlich Blogger bzw. Kommentatoren „quasi einen Teil“ der Aufgaben einer Chefredaktion übernehmen (ich dachte immer, Journalisten arbeiten ordentlich, wieso brauchen die einen Chefredakteur um „unfundierte“ Meinungen zu korrigieren?) wenn sie doch so ungebildet sind und sich mit diesen wenigen Sekundärquellen zufrieden geben?

Man schaue sich ein Bildblog an – ja, sie finden heraus, daß die Bildzeitung schrecklich arbeitet. So what? Sie können noch so „journalistisch wertvoll“ arbeiten, die Bildzeitung ist amüsanter zu lesen. Ignoriere ich einfach die Wahrheit und gebe mich mit schlechten Lösungen ab? Nein. Wer hat eigentlich den Glauben daran, daß ich, nur weil ich Bildzeitung online lese, daran glaube oder mir meine Meinungen daraus bilde? Oder möchte mir jetzt jemand damit kommen „aber unbewußt, das merkst Du gar nicht“?

Führen wir doch gleich wieder amerikanische Verhältnisse wie mit den Wahlmännern ein. (Wie, Ihr wißt nicht, was das bedeutet? Ungebildetes Volk, Ihr.)

Da haben wir es wieder. Ich, das ungebildete etwas Mensch. Aus welcher Zeit stammt „seriöses wissenschaftliches Arbeiten“ eigentlich – und meines Erachtens ist die ganze „echter Journalismus“ und Primärquellenhysterie davon abgeleitet – und warum war es dort wichtig? Ist es das heute noch? PGP funktioniert auch nicht so, daß ich jemandem direkt trauen muß – es ist die Tertiärquelle der ich trauen kann, weil entsprechende Signierungen mir das OK dafür geben.

Brauche ich heute intelligente Herren, die mich informieren und nur ihnen soll ich folgen? Bringen wir doch mal den ganzen Frauen-Männer-Kram mit rein, hatten wir noch nicht: Ist den Männern die Macht von Frauen, sich in Strickblogs austauschen zu können und dabei die Kochblogs zu vernachlässigen, unheimlich und haben sie Angst, demnächst auch noch ihre eigenen Socken besorgen zu müssen? (Sorry Sibylle) Welche Journalistinnen schreiben eigentlich „die bösen Blogger“-Texte?

Herausgegriffen irgendein Beispiel, was mir in den Sinn kommt:

Ich hät‘ so gerne DSL

sollte ich also lieber so schreiben?

Ich hät‘ so gerne DSL
(Parodie, Originalsongname: Ich wär‘ so gerne Millionär; Gruppe: Die Prinzen; Jahr: keine Ahnung; Songtexter xxx, zuerst gespielt am: xxx)

Das bringt mich jetzt wirklich weiter. Wer es nicht verstanden hat, worauf es anspielt, soll fragen. (Primärquelle: Sesamstraße). Wer das für sich nicht reflektieren kann, daß er es braucht, kann mich bezahlen, damit ich ihm beibringe so etwas zu tun. (Primärquelle: irgendeine Ferengi-Regel).

Die Prinzen und Ferengi? Der Untergang der klassischen Bildung hat stattgefunden! Geht es vielleicht darum, daß nicht jeder jeden Tag an hochwissenschaftlichem Herrschaftswissen alter Zeit teilhaben möchte, sondern auch noch etwas anderes zu tun hat? Warum? Weil die Welt sich verändert hat, wir uns darin entwickeln und damit auch die Maßstäbe. In den letzten Jahren auf eine Art und Weise bzw. in einer Geschwindigkeit, die so früher nicht da war. Früher war aber schon da: Die Zeiten ändern sich immer schneller, das ist also gleich geblieben.

Gab es früher Intelligenztests nur eingeschränkt auf bestimmte Gebiete (und wieso war das doch gleich noch mal), wird in neuerer Zeit ja auch so etwas wie ein EQ gemessen, emotionale Intelligenz, demnächst bestimmt SSQ, der Soft-Skill-Quotient. Wo bleibt der Dünschiß-Quotient, der Trollfaktor, der Urlaubsverderbergrad? Übrigens wäre ich sehr für einen Selbsteinschätzungsgrad für Journalismus. Gutes Filterkriterium.

Primärquelle, mir den heutigen Urlaubstag verdorben zu haben: Thorsten Wichmann, mit seinem Artikel (sorry: journalistisch wertvollem Fachartikel). Sekundärquelle: Melody.

Bestätigt zu bekommen, daß das Netz funktioniert und wir uns als kommunizierende Wesen in eine neue Zeit entwickeln, in denen solche Aussagen nicht mehr kommentarlos hingenommen werden müssen (Leserbriefe sind keine Möglichkeit der freien Kommentierung und Kommentare in fremder Hand auch nicht!) sondern man erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten hat: unbezahlbar.

(Quellenangabe für einen ganz bestimmten Herren: Kreditkartenwerbung Mastercard aus den letzten Jahren, erkläre ich Dir gerne bei Bedarf *smile*. Beide Quellen angegeben, aber Melody bekommt einen Link, die andere „Quelle“ bekommt nur auf den Artikel einen Trackback. Und zwar nicht, weil sie es verdient hätte, sondern um anderen Lesern die Gelegenheit zu geben, sich zu informieren. Was mich gerade dazu motiviert, den Link oben als Redirect anzugeben.)

Ach ja, ich möchte bitte einen Aufkleber:

Ich bin eine ordentliche Bloggerin. Wenn Sie einen ‚professionellen Journalisten‘ sehen wollen der Ihnen Denken abnimmt, gehen Sie woanders hin.

Ach, das ist zu lang. Vielleicht so?

Journalistin? Nein danke, ich bin eine ordentliche Bloggerin.

Vorschläge willkommen.

(Update: Ich hätte einen Trackback gesetzt, wäre er denn angenommen worden …)

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Bin jetzt erstmal sprachlos ob der inhaltlichen und emotionalen ‚Wucht‘ des gerade gelesenen – und rufe mal ganz kleinlaut rein:
    Bin auch nur ein Bloggerlein und habe mit Journalismus gar nix am Hut (warum auch?). Habe aber das Gefühl, dass mancher Journaille-Vertreter offenbar Seitenstechen bekommt, weil ihm da aus ‚amateurhafter‘ Ecke ein Informations-Konkurrent erwachsen könnte – ein Konkurrent, der sich nicht an irgendwelche Spielregeln des Markenjournalismus halten mag, gar muss.
    Auch wenn die Bloggerwelt selbst vielleicht gar nicht journalistische Primär-/Sekundär-Informationsplattform sein will – womöglich wird sie von vielen in der lesenden ‚Netzgemeinde‘ als solche genutzt, unter Umgehung der Platzhirsche?
    Bei der angebrochenen Debatte komme ich mir aber schon irgendwie etwas am Rande stehend vor: Ich lese (außer sporadisch ZEIT) längst keine Zeitungen mehr, und selbige in Form dieser Online-Gemischtwaren-Werbeportale schon gar nicht… vielleicht haben die Blätter auch einfach nur ein Problem mit dem Ausbleiben von genügender Rendite auf ihren selbsternannten „Premium-Content“?

  2. Ich emfpfinde die ewigen Jammerei „das darf nicht ernstgenommen werden, weil es ist kein seriöser Journalismus“ als nervig. Es klingt für mich immer der Unterton darin „es war hart für mich, überhaupt irgendwo hinzukommen, es darf für andere nicht leicht sein“ und „andere werden mehr gelesen als ich“.
    Ich habe just ein Tefonat mit einem guten Freund beendet, der sagte: „Für mich ist es selbstverständilich, daß ich Quellen recherchiere“. Punkt. Nicht „und ich verdamme alle Welt, wenn sie es nicht tut“ hinterhergeschoben.
    Wer Wert auf sowas legt, wird sehr schnell wissen, wen er lesen mag und wen nicht. Aber versucht nicht krampfhaft den Rest der Welt zu missionieren. Und das ist eine Ebene, der ich zustimmen kann.

  3. Wir sind ein Steinmetz, der sich auf die Fertigung anspruchsvoller Grabmale und Grabsteine für Kinder spezialsiert hat. Unser Sotiment reicht von Engeln über Skulpturen bis hin zu Grabstelen. Wir arbeiten mit Sandstein und Marmor.

  4. Nicht wirklich. Ich hatte ihn mir noch gar nicht genauer angeschaut, denn ich habe einen Grabstein Artikel wo sich mehr von der Sorte rumtrieben. Ich betrachte das eher als zukünftige Kunden ;))
    Aber hier paßt er eigenlich doch nicht hin *gg*

  5. Ich finde das muss jeder für sich entscheiden, wie er mit dem Thema Seriosität umgeht!

  6. Also zum Thema Primärquellen: Die sind schon wichtig. Aber letztendlich kann man die Glaubwürdigkeit einer Quelle nicht 100 % überprüfen, sich also nie sicher sein. Das steht zumindest in meinen Lernheften drin. Auch Augenzeugen können sich selbstverständlich irren oder Sachen vergessen, Experten können verschiedenen Lagern angehören und so erreicht man die Wahrheit vermutlich nie ganz. Ist Neutralität und Sachlichkeit ohne Meinung vielleicht nur eine Illusion, die man krampfhaft aufrecht zu erhalten versucht?
    Ursprünglich auch Ernährungsbloggerin mache ich jetzt eine Ausbildung zur Fachjournalistin. Vielleicht hilft mir das ja, meine Gedanken mal zu ordnen und bessere Artikel zu schreiben, tötet aber hoffentlich nicht meine Kreativität ab. Und Bloggen ist ja mehr eine Art Tagebuch schreiben. Da geht es gerade um Gedanken und Meinungen, Sachen die keiner hören will, die man sonst nirgendwo lesen kann, die sonst nirgendwo hinpassen. Viele Blogs könnten meiner Meinung nach auch einen kleinen Kursus in Journalismus oder Online-Redanktion gebrauchen (meiner auch, geb ich zu), um das wichtige, was sie schreiben auch lesbarer zu machen.
    Trotzdem will ich mich mit meinen Sachen auch nach der Ausbildung von dem unterscheiden, was „normale“ Journalisten schreiben. Ein größeres Problem als die Blogger (wenn sie überhaupt ein Problem sind, ich glaube nicht) ist die schleichende Vermischung von Werbung und Information in allen Medien. Darüber regt sich aber niemand auf, weils Geld bringt, die Wirtschaft ankurbelt, während Blogger alles umsonst machen und anderen noch zeigen, wie wenig kreativ die sind.