Schwarze unerwünscht – das Problem ist nicht die Ausschreibung

Die Taz hat mehr Informationen über den sonntäglichen Skandal in der Nachrichten- aka Bloggerwelt – Farbe unerwünscht:

Das Studentenwerk hat die Stellenanzeige daraufhin sofort zurückgezogen und sich entschuldigt. „Ein studentischer Mitarbeiter hat etwas falsch verstanden“, erklären die stellvertretende Geschäftsführerin Agnes Böhler und Pressesprecher Jürgen Morgenstern unisono.

Der Auftraggeber, eine kleine Sicherheitsfirma bei Hannover, habe „sehr gute Deutschkenntnisse“ gefordert und von einem Mitarbeiter aus Kamerun erzählt, der nicht so geeignet gewesen sei. Das alles habe der studentische Mitarbeiter „missverstanden“ und eigenmächtig den Anzeigentext formuliert.

Was passend wäre, denn gerade Schwarze als Bodyguards machen doch in Anzug viel mehr als Sicherheitskraft her …. Spaß beiseite.

Zurück zu Ausschreibung: Es ist Mehrarbeit gefordert bei 12 Stunden Arbeitstag – das wird dann langsam schwierig mit der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepause von 10 Stunden. Ich hätte im Übrigen noch einen besseren Hinweis für die Deutschkenntnisse hinzugefügt – gutes Deutsch ist einfacher als „fließend Deutsch auf Abiturniveau“ oder so. Und das Problem ist nicht, daß es jemand ‚hinschreibt‘, daß Schwarze oder xxx unerwünscht sind.

Das ist ’nur‘ jemand gewesen, der zu dumm war, um nachzudenken. Die ‚weniger dumme‘ Fremdenfeindlichkeit ist, bei der Auswahl von Mitarbeitern diese Bewerber ‚leider‘ abzulehnen.

Der eigentliche „Skandal“ ist die ausschließliche Aufregung um die tatsächliche Ausschreibung – nicht aber die Frage nach dem dahinterstehenden Verständnis. Es ist schön, daß alle drüber bloggen und uns das so noch mal ins Bewußtsein rufen, daß man ’so was‘ nicht in eine Anzeige schreibt. Was auch nichts anderes bedeutet als „so doof kann man doch nicht sein, das regelt man doch anders“.
Viel interessanter hätte ich gefunden, ob die Vermittlung der studentischen Hilfskräfte denn tatsächlich nach Rasse diskriminiert werden – oder ob darüber überhaupt Daten erfaßt werden, was ja schon problematisch an sich wäre. Auch geschickt formuliert:

„Der Text widerspricht der Philosophie unseres Hauses vollkommen“, beteuert Morgenstern und verweist sofort darauf, dass 66 Prozent der vermittelten Jobs an Ausländer gingen, im vergangenen Jahr über 12.000.

Keine Aussage über vermittelte Hautfarbe oder Sprachkenntnisse, Geschlecht oder Art und Anzahl der vermittelten Jobs – auf Deutsch: Sie haben zwar viel vermittelt, aber was genau, sagt keiner.

Nutzen wir die Gelegenheit und fassen wir uns doch mal an die eigene Nase: Wie genau stehen wir eigentlich zu solchen Einstellungen von „Ausländern“? Gegeben, unser Geschäft sollte bewacht werden – hätten wir lieber einen Deutschen, einen Russen oder einen Polen als Sicherheitsfachkraft? Oder „Fremde“. Gegeben unsere Kinder – stellen wir uns eine Afrikanerin im klassischen Gewand vor, oder eine Muslime im Kopftuch. Selbstverständlich sind wir alle ganz weltoffen und haben nicht eine Sekunde gezuckt bei der Auflistung.

Sind wir? Sicher, je höher die Bildung eines Menschen ist, desto eher erwarte ich ein offenes Weltbild, Toleranz und wie die ganzen Stichworte heißen. Aber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind verbreiteter als man allgemein denkt bzw. glauben möchte. „Die Kanacken“, „das Asylanten-Pack“, „naja, das ist auch ne komische Wohngegend, lauter Ausländer … die sollen ja auch ehrlich sein, aber man weiß ja nie“ – geht Ihr auch jedes einzelne Mal dazwischen, wenn jemand in Eurer Nähe etwas auch nur ansatzweise Fremdenfeindliches entdeckt, sozusagen, um es im Keim zu ersticken?

Wirklich? Oder läßt man den Unbelehrbaren reden, weil es ja nur eine Ausnahme ist, jetzt gerade nicht, weil …

Ich hatte mein Schockerlebnis diesbezüglich im zarten Alter von 14, also vor 20 Jahren (äks. alt). Mein Bruder damals die Grundschule gewechselt wegen Umzug und kam auf einmal an und fragte meine Mutter, ob sie etwas gegen seinen neuen besten Freund hätte, quasi ob er ihn ‚behalten‘ dürfte. Ich saß daneben und war genauso irritiert über die Frage wie meine Mutter, hatte mein Bruder doch noch nie sowas gefragt, sondern seine Freunde einfach angeschleppt.

„Warum fragst Du?“ wollte meine Mutter wissen. Die Antwort war verblüffend erschreckend. „Naja, er ist Pole!“.

Mein Bruder, 9 Jahre zu dem Zeitpunkt, muß aus seiner Umgebung aufgeschnappt haben, daß das was ‚falsches‘ sei, definitiv nicht aus unserem Elternhaus. Ich vermute heute entsprechende Bemerkungen der anderen Kinder in der Klasse, und da ist es genau, wo es anfängt: Die Kinder, die am Mittags- und Abendtisch aufschnappen, was Mama und Papa selber meinen und nachplappern, worüber sie schimpfen und welches Weltbild sie haben.

Übrigens – wann wird der entsprechende Bearbeiter auf einen Platz versetzt, wo er nicht mehr Schaden anrichten kann? Denn wenn es tatsächlich so ist, daß dieser die Anmerkungen des Auftraggebers ‚überinterpretiert‘ hat, also der interpretierende Schuldige ist, ist die passende Formulierung ja auf seinen Mist gewachsen …

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mal so als Idee: Das Studentenwerk könnte dir wahrscheinlich über die ‚Rasse‘ eines z.B. vermittelten Franzosen nichts sagen, wahrscheinlich auch nichs über seine Religion. Schlicht und einfach, weil sie das nicht erfassen. Während US-Formulare fast immer ein ‚Rassenfeld‘ haben, haben deutsche Formulare sowas nicht. Was ich gut finde.
    Auch ein Südafrikaner muss nicht ’schwarz‘ sein. Insofern…
    Selbst wenn das US-Formular Rassenangaben ggf. sogar (affirmative action, equal opportunity employer etc.) zu ‚Förderungszwecken‘ hat. In ‚ und ‚ deswegen, weil nicht alle Nicht-Weißen (ist ein Hispanic Nicht-Weiß?) ‚affirmative action‘ gut finden oder ebenfalls als eine Form der Diskriminierung auffassen.
    Aber Du hast recht: Da Problem liegt jenseits dessen ‚was man tut‘ sondern in der Art, wie man denkt.

  2. Ja, mir wäre es wohl auch lieber gewesen, dass das Ding vom Auftraggeber so „gewünscht“ worden wäre. So herum musste ich erschrecken, wie selbstverständlich und reflexionslos „selbst unter Studenten“ mit Vorurteilen umgegangen wird, so dass der, der hier so „überinterpretierend“ am Werke war, diese Interpretation so deutlich zeigte, ohne jegliche (Ab)Scheu.