Unterschriftensammlungen im Paralleluniversum

Gerade mal wieder geistert der ‚offizielle AI-Aufruf‘ durch Mailinglisten, man möge doch bitte durch Unterschriften online <insert gerade aktuelles Opfer hier> retten. Und daß das vorherige Opfer nicht gerettet wurde, weil nicht genügend Unterschriften zusammengekommen sind. Bzw. das schon jemand gerettet wurde wegen genügend Unterschriften.

Klar. Weil online gaaaaanz viele Unterschriften zusammengekommen sind, findet sich ein afrikanisches Volk bzw. dessen Behörde bereit, ihre gesamten Vorstellungen über Bord zu werfen, aufgrund dessen dieses Verfahren in Gang gesetzt wurde.

Hallo, McFly, jemand zuhause?
Jedes Mal, wenn ich diese Aufrufe lese frage ich mich, wieso irgendjemand glauben kann, daß ein a) afrikanisches Land mit der b) dortigen Kultur c) online durchgeführten d) Unterschriftensammlungen e) wildfremder Leute als Grund nähme, ihre Entscheidung zu überdenken. Und ihre Religion. Kann mir jemand erklären, in welchem Paralleluniversium diese Menschen beheimatet sind?! Bzw. ihr Hirn, denn der Rest ist ja hier?

Zudem empfinde ich es als massiv heuchlerisch, sowas zu lesen:

Ich hoffe, dass viele von euch auch mitmachen und so wenigstens ein Frauenleben gerettet werden kann!

Genau. Und morgen retten wir chinesische Häftlinge indem wir nach Peking ganz liebe bitte-bitte-Mails schicken. Und zu den Irakern sagen wir „Dududu – das darfst Du aber nicht“.

Wer wirklich etwas gegen solche Zustände unternehmen will, soll sich gefälligst damit auseinandersetzen und sinnvolles unterstützen.

Und wer unbedingt Briefe schreiben will, soll sich die Amerikaner und ihren Wahlkampf vornehmen. Da kann ausreichend Mail an der richtigen Stellen vielleicht noch etwas wirken.

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wieso sollten wir den Irakern E-Mails schreiben „Dududu – das darfst Du aber nicht“? Solche Mails sollten wir George W. Busch senden. Schließlich sind es SEINE Soldaten, die im Irak foltern…

  2. Neezee, frisch gestoibert, oder was? 😉
    In Kurzfassung: Unterschriften retten keine Leben. Aber Unterschriftensammlungen schaffen Öffentlichkeit. Bei Despotens daheim („hey, wir schauen Euch auch von Europa aus auf die Finger“), und in den Geberländern. Öffentlichkeit lässt politisch Verantwortliche aufwachen. Regime aller Art wollen stets Westgeld, (in den USA mehr als hier) gibt es kein oder weniger Geld für Despoten mit offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen, darum haben und werden Unterschriftensammlungen, auch wenn die Despoten in Afrika, wo ja, wie jeder Deutsche weiß, alles gar schlimm und böse ist, sitzen, nichts schaden. Und manchmal sogar helfen. Und wenn man mit Kopien von 10.000 Unterschriften zum Joschka rennt und sagt „tu was“, dann wirkt das besser als mit 15 Exemplaren.
    Ohne kritische Öffentlichkeit, auch und vor allem durch NGO, wäre Nelson Mandela im Gefängnis gestorben, ohne dass es jemand mitbekommen hätte.
    Und überhaupt: Wie kann man harmlosen Sachen wie Unterschriftensammlungen von AI Nutzlosigkeit vorwerfen, wenn offensichtlich die milliardenschweren Militärmaschinerien des „freien Westens“ erst Recht nutzlos sind. AI-Unterschriftensammlungen haben nachweislich schon Menschen vor Schaden bewahrt, was man von Militäreinsätzen des „freien Westens“ nicht so unbedingt sagen kann.
    Ach ja, das Vorschausystem funktioniert nicht mit Safari auffem Mac, der Text wird nicht in das winzige Kommentarfeld übernommen, ohne den „Zurück-Button“ hätte ich jetzt am frühen Morgen einen Tobsuchtsanfall über mißratene Software bekommen. 😉

  3. Nik deswegen sage ich ja, bei den Amis kann es wirken.
    Ralf: Was bitte hat das mit Stoiber zu tun, wenn ich auffordere, sich sinnvoll mit diesen Vorgängen auseinanderzusetzen und es sinnvoll zu unterstützen anstatt mit solchem Humbug?
    Kettenmails mit Unterschriften auf einer spanischen Seite für ein schon fertiges Verfahren sind besser, als sich den eigenen Bundestags- oder Europabgeordneten vorzuknöpfen und *dem* eine Mail zu senden?
    Einmal klickiklicki ist besser, als einen Flohmarkt zu organisieren und dieses Geld einem lokal auftretenden, menschenrechtsachtenden Anwalt zu geben bzw. dabei auch eine Presseaktion draus zu machen?
    Einmal an einen Verteiler weiterleiten, wo diese Diskussion just vor zwei Wochen schon war, ist besser als sich zwei Minuten hinzusetzen und Joschka direkt eine Mail zu schreiben?
    Und ja, ich finde Unterschriftensammlungen, die als Kettenmails rumwandern, nicht harmlos. Sie machen nämlich bequem. „Wieso, ich habe doch online unterschrieben!“. Und sie sind falsch und heuchlerisch. Dahinter steckt nämlich kein echtes Interesse des Weiterleitenden.
    Wäre es echtes Interesse würden sie – aber das hatten wir ja schon.
    Wo ist die nächste Stufe? „Wenn Sie dieser Mail nicht in einem Tag wiedersprechen, trage ich sie automatisiert auf der AI-Webseite ein. Sie können vielleicht kein Spanisch, aber ich habe Ihre echte Adresse und gegen einen guten Zweck haben Sie doch wohl nichts, oder?“
    Im Gegensatz dazu Amerikaner. Die reagieren allergisch auf sowas. Weil Geld dahinter steckt. Eine Mail an die Marketingabteilung eines amerikanischen Autoherstellers, daß man dieses Auto nicht gekauft hat, weil ’siehe Nachrichten‘. Bzw. eine Mail an den möglichen deutschen Autoladen, welche Teile man aus der Dritten Welt und solchen religiös-fundamentalistisch ausgerichteten Regimes die Terror und Folter zulassen (also auch Amerika), verwendet.
    Das gilt für den nächsten Kleiderkauf, die Parfümerie, die Turnschuhe, die Süßigkeiten, die Bücher und was sonst noch.
    „AI-Unterschriftensammlungen haben nachweislich schon Menschen vor Schaden bewahrt“ bedeutet, nichts anderes als diese Unterschriftensammlungen hätten helfen können. Und das ist nicht wahr.
    Die Tatsache, daß ich mit einem 5-Cent-Stück einen Nagel in die Wand klopfen kann, bedeutet noch lange nicht, daß es sinnvoll und effizient ist.

  4. Man sollte in diesem Zusammenhang
    http://www.tu-berlin.de/www/software/hoax/aminalawal.shtml
    erwähnen.
    Kurzes Zitat:
    | Kettenbriefe sind kein adäquates Medium zur Kommunikation
    | seriöser Anliegen.
    | E-Petitionen ändern nichts.
    | Niemand, der etwas ändern könnte, nimmt E-Petitionen ernst
    | oder auch nur zur Kenntnis.
    |
    | Amnesty International (ai) unterstützt diese
    | Kettenbrief-Aktion in dieser Form ausdrücklich nicht. Sie
    | wird als potenziell für die Sache eher schädlich angesehen.

  5. Jeder Gegner erfordert ein anderes Vorgehen – vielleicht ist das Vorgehen wirksam genug gegen einen Ölmulti, aber weniger gegen ein solches Regime. 🙂