Von den Blinden und den Farben oder warum Reisen die Batterien auflädt

Der von mir sehr geschätzte Mirko Lange hat auf talkabout einen Artikel zum E-Post-Thema „Von Miesepetern, Nörglern und Grantlern %u2013 Deutsches Business in Zeiten des Web 2.0“ geschrieben. Sein Fazit zieht einen guten Vergleich zwischen klassischer Öffentlichkeitsarbeit und der im Umfeld von heute:

Und was kann man aus der Sicht der PR daraus lernen?

Ich würde sagen: Vor allem braucht es jemanden aus den Unternehmen, der ganz, ganz nah an der Szene ist. Nicht als „Spion, sondern als Teil der ganzen Geschichte. Und der muss mit am Tisch so vieler Planungen sitzen um mit zu beurteilen: So wird die Community reagieren. Das war analog schon immer auch die Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit – wenn sie als Stabstelle implementiert war: Abzuschätzen, wie die Öffentlichkeit auf bestimmte Handlungen eines Unternehmens reagiert. Deswegen muss dieser „Social Media Experte verstehen, wie die Menschen im Social Web ticken. Er muss erkennen, wie die Mechanismen funktionieren, was im Einzelnen Shitstorms und Empörungswellen befeuert. Und er muss für Gespräche zur Verfügung stehen. Sofort. Nicht nach einwöchigem Beratschlagen. Das geht aber nur, wenn man vorher seine Hausaufgaben macht. Und er (natürlich auch „sie) muss so reden, wie die Menschen in den sozialen Medien reden. Er (oder: Sie) muss dort anerkannt sein. Spindoctorn wird auch hier nicht gelingen. Aber er (oder: sie) kann dazu beitragen, dass solche Geschichten nicht eskalieren.

Wie üblich, die die verstehen brauchen diesen Artikel nicht, und die, die nicht verstehen wollen oder können werden ihn wieder ignorieren. Ich setze inzwischen die Hoffnung auf die Unternehmen, die zwar auch wenig aus den letzten 10-15 Jahren gelernt haben, aber bei denen man wenigstens mit Logik durchkommt. Und wenn das nicht hilft, mit Kostenberechnungen.

Der wirkliche Geburtsfehler des Internets
Es gibt einen Geburtsfehler des Internets: anzunehmen, daß alle gleich sind und alle das gleiche wollen / wünschen / kaufen / erleben wollen. In der Endstufe, irgendwann in ein paar Jahrhunderten, werden wir hoffentlich eine Gesellschaft haben, die wir in Raumschiff Enterprise präsentiert bekommen (oder sowas ähnliches). Noch aber leben wir auf der Erde im Jahre 2010, und es gibt unterschiedliche Gruppierungen, als Beispiel Unternehmen und Stammtische genannt. Solange beide Welten versuchen, „ihre“ der anderen komplett überzustülpen, gibt es Stress. Alternativ kann man auch Politik und X nehmen, oder „wenn Intelektuelle dem Volk Leseempfehlungen geben“, oder oder oder.

Das Problem ist nicht Utopia. Sondern wie wir dort hinkommen und wie man die Wege / Strukturen / Möglichkeiten schaffen kann, dahin zukommen.

Ich schrieb drüben im Kommentar: „Es hilft, Idealistin zu sein“. Es bedeutet, daß ich trotz der Widerstände immer wieder versuche, die verschiedenen Lager zusammenzubringen. Und daran glaube, daß es irgendwann verdammt noch mal gehen muß. Man muß auch den Stammtischlern Chancen geben, ihre Fehler einzusehen und weiterzukommen. Und Politikern. Und Unternehmen. Und anderen Gruppierungen. Ihnen eine Hand reichen und sagen „hei, ich kenn das hier, und ich möchte Dir helfen zu verstehen, warum ich das gut finde und was es für mich bedeutet. Vielleicht ist es auch was für Dich“.

Erst zuhören, dann agieren gilt für alle
Es bedeutet für mich aber auch zuzuhören und zu hinterfragen, warum die anderen die Welt nicht so sehen, wie ich sie sehe. Der oben angesprochene Blinde kann mir genauso gut vorwerfen: „Schön, daß Du Farben sehen kannst. Ich aber kann Dinge mit meinen Fingern ertasten, meine anderen Sinne sind so geändert, daß Du im Vergleich blind bist!“. Um mit den vermeintlich Blinden zu reden hilft es nicht, immer wieder nur die Farben hervorzuholen und darauf zu bestehen, daß sie ’sehen‘. Mit welchem Recht eigentlich?

Die Realistin in mir hat schon lange Konsequenzen gezogen, und hält die interne Idealistin in Schach: Wenn ich auf jemanden treffe, der mir ernsthaft zeigen kann, daß ein Interesse am Zuhören und Lernen besteht, klasse. Bei anderen versuche ich das zwar auch ab und an, aber wer gegen die Wand laufen will oder Zeit seines Lebens am Stammtisch bleiben möchte, bitte. Eine andere Konsequenz sind meine regelmäßigen Reisen ins Ausland, speziell die USA.

Nicht etwa, weil „Amerika so toll ist“ sondern weil die Menschen die ich dort treffe meine Idealisten-Batterie auffüllen. Selbst wenn es eine Gruppe ist, mit der ich wenig zu tun habe, wie zum Beispiel meine nächste Reise zur Blogher. Über tausend Frauen – die normale Sorte, die sich vorher über Schuhe, Rezepte, Babies usw. ausläßt, von Hausfrau bis Geschäftsfrau – kommen in New York zusammen und werden hauptsächlich über Themen reden, mit denen ich wenig bis gar nichts zu tun habe.

Warum eine ‚komische‘ Konferenz gut für meine geistige Gesundheit ist
Warum fahre ich also dahin? Dazu reicht ein Blick auf die Blogergebnisse der letzten 6 Monate: Menschen lieben es online zu kommunizieren, andere Menschen kennenzulernen – aber dann will man sich auch ‚in echt‘ sehen. Ich will sehen, wie all diese Frauen mit ihren Handys – inzwischen fast alle mit Smartphone – rumlaufen werden und sich über Twitter koordinieren werden. Tipp: Einfach mal den Tab offen lassen, um die Masse an neuen Tweets am Abend zu sehen – Suche nach blogher – und das ist nur die Aufregung vor dem Event.

Ich will sehen, wie Marken und Firmen versuchen, mit diesen Frauen in Kontakt zu kommen – nicht auf der intellektuellen Ebene sondern auf der „ich habe ein Produkt, was Du offensichtlich wirklich magst – let’s talk!“. Gruppendruck, soziale Normen usw. inklusive. Eben nicht Kleinbloggersdorf und die Stammtische, sondern die reale Welt. Nicht falsch verstehen: Stammtische sind *Teil* der realen Welt – aber sie bestimmen diese nicht.

Blogher ist auch ein Paradebeispiel für eine veränderte Gruppe, die technisch immer noch nicht super-versierten Frauen, die Stück für Stück ihre Macht entdecken, aber eben auch herausfinden, wie Firmen versuchen das auszunutzen. Und wie die Gruppe drauf reagiert (siehe BlogHer and Sponsored Bloggers: Answers to Frequently Asked Questions (FAQs)).

Übrigens: Blogher existiert, nicht nur als Eventreihe, sondern als ‚Macht‘ in der amerikanischen Blogosphäre weil drei Idealistinnen sich zusammengetan haben.

There is hope after all … 😉

(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

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