Wirkt nacktes Fleisch auf Events oder haben sich Männer wirklich geändert?

Via girly-geek Mailingliste kam ein Link auf einen Artikel von Ben Griffith herein in dem er sich über Frauen auf zwei Geek-Events beschwerte. Hm? Üblicherweise ist die Diskussion doch umgekehrt, wie bekommen wir mehr Frauen zu solchen Events?

Nun ja – teilnehmende Frauen. In diesem Fall sind es eher Frauen des Typus klassische Messe-Hostess wie die Bilder hier zeigen. Zunächst einmal nix neues. Das gibt es schon ewig, die Beschwerden von Frauen sind auch nichts neues … Und doch habe ich in letzter Zeit vermehrt männliche Kommentare der Art „muß das wirklich sein *gequältguck*“ gehört, u.a. wie Ben schreibt:

Many of us who work in technology, I’m sure, are ashamed about the extent to which the industry is male-dominated and male-controlled. It’s, whatever your political allegiances, an unhealthy situation.

My heart sank, in shame, when, at last month’s Pizza on Rails get-together before RailsConf, the sponsors – I won’t dignify them with a mention or a link – thought it a good idea to pay for attractive young girls to serve pizza to hordes of salivating (mostly male) geeks.

(Es lohnt sich auch die Kommentare zu lesen.)

Waren diese Männer auch schon vorher dieser Meinung und erlauben es ihnen Blogs jetzt diese Meinung einfacher der Umgebung mitzuteilen? Oder findet hier wirklich ein Sinneswandel statt?

Ähnliches – wenn auch krasser – erlebte ich auf der OMD, wo fast komplett nackte Frauen mit Körperbemalung auf mind. zwei Ständen zu finden waren. Auch sonst waren eine Menge langbeiniger hübscher Frauen unterwegs, doch auf einer Marketing-Messe ist das m.E. als normales Übel akzeptabel – wenn dort nicht die nackten gewesen wären.

Einmal zwei Frauen in Tigerbemalung und ich bin mir nur halb sicher daß sie eine fleischfarbene Unterhose trugen und einmal ein Mann und eine Frau, beide mit nacktem Oberkörper in strahlendem Grün bemalt.

Die Kommentare einiger anwesenden Herren gingen in die Richtung „muß das sein?“ als auch zum Teil in die Richtung „wenn sie wenigstens hübsch wären“ bei den Tiger-Frauen. Auf mich macht es den Eindruck als wenn „Sex sells“ nicht mehr ganz stimmt und wirksam ist – jedenfalls nicht auf so plumpe Art und Weise.

Meine persönlichen Befindlichkeiten können nicht der Maßstab der Gesellschaft sein, sie können nur mein Startpunkt in einer solchen Diskussion sein. Immer wenn diese Art von Thema aufkam habe ich für mich keine zufriedenstellende Lösung gefunden wie ich dazu stehe.

Denn ich frage mich wie sich Frauen in diesen Situationen fühlen wenn der Chef (männlich?) ihnen sagt: „wir haben Dich gebucht damit Du halbnackt auf der Messe herumläufst und unser Produkt bewirbst!“.

Im ersten Moment mag es vielleicht vollkommen okay klingen, schließlich laufen am Strand so viele Menschen nackt herum und auch im Sommer auf der Straße sehr freizügig … Doch was ist mit der Seele?

Es klingt platt, aber einer der Gründe warum ich mit meiner Stimme keine Telefonsex-Hotline betreibe ist genau der: die Seele und damit einhergehend der Verlust meiner Persönlichkeit. Nicht ich werde wahrgenommen, sondern als Objekt zur Befriedigung der Bedürfnisser anderer behandelt, Rest uninteressant.

Bin ich dessen zu bewußt daß ich von Anfang an auf solche Fremdbestimmung ablehnend reagiere während andere Frauen erst mal hineinschlittern und dann feststellen, daß es etwas ist, was sie nicht wollen?

Ich verdamme nämlich keineswegs Frauen (und Männer) die sowas mit wirklicher Begeisterung tun, im Gegenteil. Sexy Kleidung, flirtendes Verhalten? Klasse. Einer der Hauptgründe warum Frauen Parfüm und Make-Up tragen ist übrigens nicht um der Umwelt zu gefallen – sondern um sich selber zu gefallen und daran Freude zu haben.

Wenn es aber nicht für sich selber ist sondern für andere (aus welchen Gründen auch immer) ist die Frage wo die Grenze zur Selbst-Prostitution überschritten wird. Momentan tendiere ich zu Selbstbestimmung, eigene Entscheidung, eigener Willen als Maßstab ob es okay ist so etwas zu tun oder nicht.

Ist es im Zeitalter von Web 2.0 überhaupt noch notwendig, zu solchen Maßnahmen zu greifen, wenn doch alles (theoretisch) so präsentiert werden kann daß es an sich schon verlockend genug ist?

Beeinflussen solche Taktiken Kaufentscheidungen negativ? Gestern beschwerte sich ein Herr (ohne Blog keine Namensnennung) über die Alice-Werbung im Fernsehen in der Art „bei dem Werbespot hätte ich mir überlegt zu denen zu wechseln“.

Nehmen es die lesenden Damen und Herren als störend wahr, oder doch noch anregend wenn es gut gemacht wird? Wo liegt die Grenze und was könnten Werber und Co. stattdessen mehr versuchen? Gibt es vielleicht schon Ansätze für „Sex Sells 2.0“?

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(Dieser Text wurde aus einem alten Blogsystem importiert und kann Fehler ausweisen, sorry).

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich erinnere mich an die letzte Cebit. Ich hatte mich mit meinem Laptop hingesetzt um einen Artikel zu schreiben, da zog plötzlich ein ganzes Dutzend körperbemalter Sandisk-Werbeträger vorbei. Spontane Reaktion meinerseits: „Muss das sein“? Das wirkte so deplatziert und albern. Die kostenlosen Getränke bei Microsoft hingegen waren ein echter Sympathieträger.

  2. „Deplaziert und albern“ ist wohl der Punkt: keiner der vermeintlich ‚echaufierten‘ Männer einer solcherart präsentierten Werbemassnahme wäre auch nur im geringsten aufgebracht, wenn er im alltäglichen Stadtbild eine unbekleidete Werbedame von einer Plakatwand herunterlächeln sehen würde; aber auf einer explizit als nerdig-technisch verschrieenen Veranstaltung gehört sich das wohl dann doch (noch) nicht.
    Da frage ich mich eher, wie weit es mit dem angeblichen Antisexismus der ach so betroffenen Männer wohl her ist.

  3. Deplaziert ist denke ich richtig. Auch wenn ich gerne Mädels sehe – ich möchte sie auf keinen Fall nur als Objekt wahrnehmen; so „marketingwirksam“ das angeblich sein mag. Da habe ich lieber weniger aufgeputzte aber dafür helle Leute mit denen man sich unterhalten kann und die wissen wovon sie reden. Das macht mir die Person (und im Endeffekt die Firma) deutlich symphatischer.